In der Rückschau wird mir oft vorgehalten, dass das Geschäft mit den mehr als 30.000 Internet-PCs, die YLine gemeinsam mit IBM und dem NEWS-Verlag durchgeführt und YLine damit in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gebracht hat, riskant bis waghalsig gewesen wäre. Auch der Gutachter Keppert und die ständig wechselnden Staatsanwälte schlossen sich dieser Sicht an bzw. fördern dieselbe. Das ist insofern sehr bemerkenswert als der Gutachter die Partnerschaft mit IBM gar nicht begutachtet, also befunden hat. In seinem Gutachten findet sich die Partnervereinbarung, die YLine mit IBM im September 1999 abgeschlossen hatte, überhaupt nicht. Insofern agiert die Anklage diesbezüglich also auf einer „begutachtungsfreien Vermutung“ und dürfte sich daher in der Anklage gar nicht finden, sagt die StPO. Diese verlangt vom Staatsanwalt die objektive Untersuchung eines Sachverhaltes bevor er über die Anklage entscheidet.

Stimmt daher der Vorwurf eines waghalsigen Geschäfts? Auf den ersten Blick und ohne weitere Kenntnis der Details für einen informierten Dritten wahrscheinlich schon. Für den weniger informierten Leser möchte ich das Projekt in wenigen Worten nochmals zusammenfassen.

YLine hat damals – Internet war für die meisten Leute Anfang 2000 in Österreich ein Fremdwort bzw. nicht im Haushalt vertreten – gemeinsam mit IBM und dem NEWS-Verlag eine Aktion durchgeführt bei welcher PCs im Rahmen eines 12-Monatsvertrages (Membership-Modell) über NEWS gekauft werden konnten. Der Kunde konnte einen YLine-PC um ATS (Schilling) 2.500,00 Einmalerlag im Rahmens eines 12-Monatsvertrages erwerben, mit dabei war auch ein Jahresabo der Zeitschrift NEWS. Dabei verpflichtete sich der Kunde, pro Online-Minute ATS 0,99 an YLine zu zahlen mindestens aber ATS 240 pro Monat. Die Annahme war damals, dass die Kunden zumindest 750 Minuten pro Monat im Internet verbringen und damit das Projekt profitabel bis sehr profitabel sein würde. Auf Basis dieser Annahmen hätten wir über die Betrachtungsdauer von 3 – 5 Jahren eine Rendite von 15 – 25 Prozent auf das eingesetzte Kapital verdient. Dabei sind auch Werbeeinnahmen eingerechnet, die wir durch dieVermarktung der Kundenbasis hätten erzielen können. Das Geschäftsmodell wurde damals sowohl von der Wirtschaftsprüfungskanzlei Arthur Anderson als auch von den Experten der IBM geprüft und für gut befunden. Soweit die Zusammenfassung dieses Geschäfts. Nun zum Rückblick mit dem Wissensstand des Jahres 2012.

Zunächst die erste Frage: haben die Annahmen gestimmt? Eindeutige Antwort: ja! Diverse Studien belegen, dass die Leute heute rund 23 Stunden pro Monat oder 1.380 Minuten online verbringen. Im Jahr 2003 waren es tatsächlich bereits knapp 800 Minuten, welche die Leute im Internet verbrachten. Insofern sind, soweit lässt sich das in einer ex-post-Analyse festhalten, die Annahmen eingetreten. Was hat dann nicht gestimmt? Wenn sich der Markt über die Annahmen hinaus positiv entwickelt hat, warum hat das nicht funktioniert? Die Antwort ist leider nicht ganz so schmeichelhaft für mich aber es ist, wie es eben ist. Wir haben es damals nicht geschafft, unser Billingsystem – das Online-Billing war damals wirklich ein Problem – schnell genug hochzuziehen. YLine war trotz toller Mitarbeiter und vernünftiger Software über Monate hinweg nicht in der Lage, den Kunden eine Rechnung zu senden. Tatsächlich hat es einige Kunden gegeben, die pro Monat mehrere tausende Schilling „versurften“ aber keine Rechnung von uns erhielten. Ohne Rechnung keine Einnahmen, so einfach kann man das zusammenfassen. Ein weiteres Problem war die Partnerschaft bzw. die Ausgestaltung der Geschäftsbeziehung mit IBM. Das ist aber ein eigenes Thema, das ich in einem der nächsten Beiträge erörtern werde (Anmerkung: wer www.yline.com ansurft landet heute noch bei der Telekom bzw. A1).

Tatsache ist, dass uns dieses Projekt mit einem Schlag die entsprechende Aufmerksamkeit und ein hohes Markenimage in der Öffentlichkeit brachte. Dank NEWS waren wir ohne weitere Kosten dauerhaft in den Printmedien der NEWS-Gruppe, im Radio und Fernsehen mit Spots vertreten und hatten schlagartig große Marktanteile am österreichischen ISP-Markt erobert. Es wurde uns damals von Marketingexperten vorgerechnet, dass alleine der mit dieser Aktion entwickelte Markenwert „YLine“ die gesamten Projektkosten überstiegen hätte. YLine hatte sich Millionen an Werbe- und Marketingkosten erspart und war in Österreich bekannt wie Yahoo in den USA. Die Errichtung des ISP und der dafür erforderlichen Infrastruktur haben wir sogar nach Meinung der Experten von IBM mit Bestnoten absolviert (siehe Bericht der IBM hier). Für ein Start-Up haben wir demgemäß eine bemerkenswerte Leistung geboten. Das war damals unser einziger Geschäftszweck, unser gewöhnlicher Geschäftsbetrieb, was wiederum zur Folge hat, dass der Vorwurf des waghalsigen Geschäfts schon auf Grund des Gesetzestextes des § 159 StGB (Tätigkeit außerhalb des gewöhnlichen Geschäftsbetriebs) nicht greifen kann.

Der Erfolg unserer ISP-Aktivitäten ging soweit, dass wir uns ernsthaft um die Übernahme der Internet-Aktivitäten der Telekom bemühten und es entsprechende Gespräche mit dem damaligen Finanzminister Grasser und seinem Staatssekretär und Telekom-Aufsichtsrat Ditz gab. Im Endeffekt hat dann die Telekom aber leider die YLine-Aktivitäten übernommen. Aber auch das ist eine Geschichte, die ich seperat erzählen will.

Insofern möchte ich die eingangs gestellte Frage nach dem Projektrisiko so beantworten, dass ich meine, dass wir das Geld der Investoren – wie in unseren Börseprospekten festgehalten – natürlich in neue, unerprobte Geschäftsmodelle steckten und neue Dinge versucht haben. Das war auch unser Auftrag. Das war die einzige Berechtigung der YLine. Dass das alles nicht wie geplant funktioniert hat, bedauert niemand mehr als ich. Es ist jedoch meines Erachtens kein Grund, die Leute hinter diesem Projekt zu kriminalisieren. Heute sind diese Modelle Standard – siehe Mobilfunkindustrie. Letztlich war es meine Verantwortung, in dieses Projekt hineinzugehen. In einem der nächsten Beiträge werde in diesbezüglich noch ins Detail gehen und die Rolle meines ehemaligen Arbeitgebers und Partners IBM – die im Zuge der Insolvenz zwecks Vermeidung weiterer Probleme viele Millionen an den Masserverwalter gezahlt hat – beleuchten. Wir haben ja noch genug Zeit!

Es hat sich später im übrigen herausgestellt, dass der Vorwurf eines waghalsigen Geschäfts vom Erfüllungsgehilfen des Gerichtssachverständigen stammte – siehe Bericht darüber hier.

Join the conversation! 2 Comments

  1. […] mir u.a. im Gegenteil eben vor, dass dieses Projekt zu groß und zu riskant gewesen wäre (hier meine Notizen dazu). Letztendlich wurde der ISP um viele einige Millionen Euro an die Telekom verkauft (damals […]

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  2. […] das PC-Projekt und die Partnerschaft mit IBM (hier meine Notizen) kapitalmarktrelevant? Natürlich, ohne den Kapitalmarkt hätte es diese Geschäfte definitiv nicht […]

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