Der wesentliche Teil der Anklage umfasst neben unzähligen einzelnen Punkten (siehe auch meine Notizen dazu) die „ganz großen“ Komplexe Bilanzen und Sacheinlagen. Das sind jene Tatbestände, die in den Bereich Finanzen und Wirtschaftsprüfung fallen. Diesbezüglich waren sowohl die damalige Finanzvorständin Petra Wohlfahrt als auch die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young die Hauptdarsteller. Petra Wohlfahrt hat sich 2006 das Leben genommen, der mediale Druck und die Unmöglichkeit, die YLine hinter sich zu lassen, haben dabei laut ihrer Familie eine wesentliche Rolle gespielt. Das ist für mich mehr als verständlich und nachvollziehbar. Meine Informationsquelle in dieser heiklen Angelegenheit ist ihr Cousin, der Journalist Kid Möchel (siehe meine Notizen), der mir dies in einem persönlichen Gespräch dargelegt hat. Eine Tradödie, die für uns alle extrem belastend war und uns fassungslos hinterlassen hat. Menschliche Tragödien wie diese sind definitiv eine Auswirkung einer überlangen Verfahrungsdauer.

Die Anklage schert das wenig. Sie klagt weiterhin angeblich falsche Bilanzen und finanzielle Einzelaktivitäten an, für die sich wohl nun niemand mehr tatsächlich rechtfertigen kann. Die restlichen Angeklagten haben diese Schuld halt quasi subsidiär zu übernehmen. Das könnte ich ja vielleicht noch irgendwie verstehen aber nicht die Umstände rund um die Entstehung der Anklage. Der Staatsanwalt hat trotz des Verfahrenshindernisses des Todes von Petra Wohlfahrt keinen der für die YLine zuständigen Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young einvernommen, keine zusätzlichen Informationen eingeholt oder sonstige Aktionen gesetzt. Ich darf das wiederholen:

Der Staatsanwalt Alexander Marchart hat in seiner ohnehin extrem späten ersten und einzigen Einvernehmungsrunde im Sommer 2011 keinen der mit den Bilanzen oder Sacheinlagen befassten Wirtschaftsprüfer einvernommen. Und das, obwohl ihm die Tragödie um Petra Wohlfahrt bekannt war. Wie kann das sein?

Er hat sich nicht die Mühe gemacht, sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen bzw. entsprechende Fragen zu stellen. Die angeklagte Wirtschaftsprüferin kennt den Staatsanwalt nicht einmal. Marchart hat einfach das 2005 – also vor dem Tod von Petra Wohlfahrt – fertiggestellte Gutachten genommen und in eine Anklageschrift umgesetzt. Und dafür hat er ganze 7 (sieben) Jahre benötigt.

Es mag sein, dass das nur mir als direkt Betroffenen aufstößt. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren über 11 Jahre hinweg verschleppt wobei das Verschulden dafür ausschließlich im Bereich der Justiz zu suchen ist. Diese Verschleppung widerspricht nicht von ungefähr der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK), aber der Umstand, dass der Staatsanwalt trotz dieser verfahrenstechnisch einschneidenden Tragödie es nicht einmal der Mühe wert findet, seine Ermittlungen entsprechend zu intensivieren, zu beschleunigen oder aber auch mit der entsprechenden Sorgfalt durchzuführen, stößt hoffentlich nicht nur bei mir auf Unverständnis. Ich sehe das als haftungsbegründenden Justizskandal ohne vergleichbare Dimension in Österreich. Das sind aber ebenso auch persönliche Versäumnisse des verantwortlichen Staatsanwaltes.

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