Dezember 21, 2012

Abgehört!

Wieder einmal die morgendlichen Kontemplationsübungen, ich muss damit aufhören. Vor allem nach Tagen, die voller Input gesteckt haben. Gestern war wieder so ein Tag. Verständlicherweise werden bei 12 Angeklagten und zumindest nochmals sovielen Anwälten viele Überlegungen und viele Kommunikationsstränge durch die Gegend getragen. Die meisten landen dann irgendwie bei mir.

Für mich ist die permanente Defensive und die andauernde Konfrontation mit der „Akte YLine“ leider eine täglich gelebte Normalität. Ich habe da, sagt meine befreundete Psychologin, offenbar schon eine handfeste Neurose oder Psychose entwickelt. Geschäftspartner, die nach einem Googeln und dann Fragen stellen, Rechtfertigungen im Bekanntenkreis nach neuen Medienberichten, Erklärungen an mittlerweile erwachsene Kinder – diese waren am Ende der YLine tatsächlich noch Kinder aber 12 Jahre danach sind aus Kindern junge Erwachsene geworden, die unter der Situation natürlich auch entsprechend leiden und sich ihrerseits gegenüber Freunden erklären müssen – und selbstverständlich laufend die Anwälte. So nebenbei noch Verrückte, die einem immer irgendetwas antragen, weil man eben DER Böhm von DER YLine ist. Und natürlich der jährliche Höhepunkt – die Ankündigung der unmittelbar bevorstehenden Anklage. Damit verbunden die angelernten Reflexe: Termine absagen, Anwalt anrufen, Kollegen anrufen, Besprechungen organisieren und dann alles wieder abblasen. Als ehemaligen Berufssoldaten erinnert mich das an die Übungen beim Bundesheer. An „normales“ Arbeiten brauche ich seit Jahren nicht mehr zu denken. Mein Reihenhaus habe ich bereits vor Jahren verkaufen müssen, um das Leben zu finanzieren.

Einige andere Angeklagte haben die Akte YLine in den letzten Jahren so gut es ging verdrängt und sind jetzt ebenfalls ge- und überfordert. Das ist verständlich, denn medial wurden die meisten zwar selten bis gar nicht erwähnt aber der Druck im Hintergrund war da. Und außer laufenden medialen Statements und Ankündigungen hat die Justiz ja auch nichts gemacht, um das Verfahren abzuwickeln. Alleine vom letzten Staatsanwalt habe ich in den letzten 2 Jahren vier Interviews zum Dauerthema YLine gefunden. Zwei Einvernahmen in 12 Jahren sorgen auch nicht für volle Terminkalender und das Verdrängen der andauernden Kriminalisierung ist wohl auch für die Psyche gesünder. Petra Wohlfahrt hat das leider nicht geschafft.

Jetzt strebt der Staatsanwalt offenbar im 12. Verfahrensjahr mit 12 Angeklagten einen Monsterprozess an, der sich über viele Dutzende Verhandlungstage ziehen könnte. Man möchte meinen, die Justiz will aus YLine in jeder Hinsicht einen traurigen Extremfall machen. Wenn schon denn schon! Da machen sich einige der Angeklagten berechtigt große Sorgen darüber, wie sie daneben noch Geld verdienen und ihre Existenz aufrecht erhalten können. Hinzu kommen noch die Anwaltskosten und der zu erwartende mediale Druck. Die Dauer ist mit weiteren 2 – 5 Jahren noch gar nicht absehbar. Das trifft natürlich vor allem die Selbständigen und freiberuflich Tätigen hart.

Typisch für die Akte YLine ist, dass einige der Angeklagten bis heute die Anklage noch nicht zugestellt bekamen. Das ist dann besonders angenehm für die Betroffenen. Kritisiert wird im Übrigen von so gut wie allen Anwälten die Qualität der Anklage. Es fehlt beispielsweise der Gutachter Keppert sogar in der Zeugenliste der Anklage. Ob das einfach Schlamperei ist oder das Wissen um dessen Befangenheit, darüber herrscht geteilte Meinung. Entsetzt zeigen sich die Rechtsvertreter unisono von der extremen Überlänge des Verfahrens. Da dürfte die Akte YLine mit bisher fast schon 12 Jahren wirklich konkurrenzlos dastehen. Die Maßnahmen dagegen werden derzeit intensiv diskutiert. Die YLine selbst hat es im übrigen exakt 41 Monate gegeben – das Verfahren hingegen dauert schon um die 140 Monate. Der Konkurs wurde bereits im Juni 2011 mit einer außergewöhnlich hohen Quote von 35,2 Prozent abgeschlossen. Ausgeschüttet wurden fast neun Millionen Euro (siehe Bericht im Standard).

Ich habe gestern aus verlässlicher Quelle erfahren, dass unsere Telefone – wieder einmal – abgehört werden. Ok, das ist eigentlich schon Routine aber in diesem Fall könnte sich das gut treffen. Angeblich hat KR Scheck letzte Woche schon die telefonische Kommunikation mit seinem Gutachter Thomas Keppert aufgenommen, um sich abzustimmen. Hört man aus dem Umfeld des Gutachters. Das wird man ja dann aus den Abhörprotokollen ersehen können. Darüber hat sich auch schon Karl-Heinz Grasser ärgern müssen. Ach ja, über KR Scheck habe ich gehört, dass er eine Diversion anstrebt, weil sein Vergehen keines wäre und wenn doch, dann ein ganz kleines. Es waren ganz sicher die Anderen bzw. natürlich DER Böhm. Ich habe ihn wahrscheinlich auch gezwungen, die Aktien zu verkaufen! Da bin ich aber gespannt, was das Gericht dazu sagt. Möglich ist bei unserer Justiz ja Vieles, wie man sieht. Der liebe Fritz ist der Meinung, dass er als völlig Unschuldiger irrtümlich in die Anklage gekommen ist und er nicht mehr genau weiß, wo das viele Geld hergekommen ist…

Wie gesagt, ich muss mit meinen morgendlichen Kontemplationsübungen aufhören…

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Gericht

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