Der ganz große Punkt in der Anklage, der viele Angeklagte betrifft ist das Thema Sacheinlagen. Daraus wird auch der medial immer gut kommende riesige Schaden abgeleitet, der dadurch entstanden sein soll. Daher darf ich diesbezüglich ein paar Notizen machen.

Ich kann beim besten Willen das diesbezügliche Denken des Staatsanwaltes nicht nachvollziehen und fühle mich da in einem Paradoxon gefangen.

Es wird uns vorgeworfen, dass wir andere Unternehmen bzw. Anteile daran im Wege der Sacheinlage zu überhöhten Preisen erworben und damit Vermögen veruntreut hätten. Ein fiktives Beispiel: wir haben z.B. ein Webunternehmen auf Grund von damals wie heute gültigen „Web-Parametern“ wie registrierte Kunden, Besuchszahlen auf der Internetseite etc. mit 2 Millionen Euro bewertet. Dieser Wert musste (vereinfacht dargestellt) von Analysten, Rechtsanwälten und Wirtschaftsprüfern bestätigt und vom Aufsichtsrat genehmigt werden. Im positiven Fall haben wir den Anteilshaltern dann YLine-Aktien im Wert von € 2 Millionen gezahlt, nicht Cash. Vereinfacht gesprochen haben wir soviele YLine-Aktien zum Kurs des festgelegten Stichtages hergegeben, wie erforderlich war, um 2 Millionen Euro darzustellen. Wäre der Kurs pro YLine-Aktie also € 200 gewesen, dann hätten wir 10.000 YLine-Aktien gezahlt.

Wie zuletzt beim Börsengang von Facebook kamen bei der Bewertung keine „traditionellen“ Bewertungen zustande, sondern Bewertungen auf Grundlage der im Web erfolgstreibenden Faktoren wie eben Anzahl der Benutzer, Anzahl der Besucher, Verweildauer oder Umsatz pro Benutzer. Inzwischen, nach 12 Jahren, gilt diese Bewertung von Web-Unternehmen bereits als „typisch“. Die Bewertung von 104 Milliarden Dollar kam bei Facebook zustande, weil die Banken und Investoren meinten, dass mit den damals rund 900 Millionen Mitgliedern in Zukunft vielleicht viel Umsatz gemacht werden könnte (siehe beispielsweise diesen Beitrag). Diese Bewertung kam nicht auf Grund damals aktueller Umsatz- und Ertragsziffern zustande. Facebook hat diese Bewertungen auch bei Unternehmen angewandt und akzeptiert, die es übernommen hatte. Beispielsweise wurde im April 2012 das erst im Oktober 2010 gegründete Instagram um eine Milliarde Dollar übernommen ohne dass Instagram überhaupt einen Dollar Umsatz gemacht hätte (siehe diesen Beitrag). Gezahlt wurde hauptsächlich in Facebook-Aktien und ausschließlich für aktive registrierte Benutzer und die Hoffnung, irgendwann mit diesen Umsatz zu machen oder dadurch Facebook zu stärken. Heute sind interessanterweise die Bewertungsansätze noch deutlich aggressiver als sie es damals in der New Economy waren. Insofern kann man in diesem Zusammenhang auch nicht von einem „historischen Irrtum“ oder einer Anomalie reden. Damals, am Beginn des Internet-Zeitalters haben die wenigsten Internet-Unternehmen Umsätze gemacht, man stand eben ganz am Anfang des Webs aber die Methoden sind gleich geblieben.

Weiterführende Informationen für wirklich interessierte Leser: Die Bewertung von 104 Milliarden Dollar von Facebook kam zustande obwohl das Unternehmen damals nur einen Umsatz von etwas über einer Milliarde Dollar machte. Damit entsprach die Bewertung einem Umsatz-Multiple von rund 100, etwas was ich in der New Economy nicht gesehen habe. Auch die bereits in die kurzfristige Zukunft projezierten Umsätze pro Benutzer von 5 Dollar pro Jahr hätten diese Bewertung nach traditioneller Ansicht niemals rechtfertigen können. Hier sind ein paar interessante Überlegungen auf der Forbes-Seite von dem in der Szene nicht gerade unbekannten Richard Finger.

Nun hat der Gutachter Thomas Keppert in der Sache YLine folgendes gemacht und der Staatsanwalt folgt diesem Vorwurf unreflektiert in der Anklage: er hat zwar die hohe Bewertung der YLine an der Börse, die ausschließlich auf Grund eben jener Web-Parameter zustande kam akzeptiert. Allerdings hat er die übernommenen Unternehmen nach den klassischen Unternehmensbewertungsmethoden bewertet und damit, so der Gutachter, wären die nichts oder viel weniger wert gewesen. Die Differenz in der Bewertung ist der Schaden für YLine und diesen hätten die Vorstände noch dazu vorsätzlich (!!!) herbeigeführt. Den Vorsatz kann ich dabei schon gar nicht sehen und das wird von der Anklage auch gar nicht erläutert. Ich war Hauptaktionär und Vorstand, es ist doch völlig lebensfremd, dass ich mich selber schädigen wollte. Wir und alle beteiligten Berater haben damals ausschließlich im Einklang mit den – bis heute gültigen – Bewertungsmethoden agiert.

Es wurden von Keppert also unterschiedliche Bewertungsansätze angewandt und das ist einfach ein schwerer formaler Fehler bzw. ein Paradoxon. Das ist so als würde ich beispielsweise US-Dollar gleichsetzen mit Japanischen Yen und auf die Umrechnung verzichten. Ich nenne das eine asymmetrische Bewertung. Entweder hätten beide Unternehmen nach klassischen Methoden wie z.B. Ertragswertmethode bewertet werden müssen – was auch ein Fehler gewesen wäre aber immerhin in sich nicht widersprüchlich – oder beide Unternehmen nach den bis heute gültigen Methoden für Web-Unternehmen. Letzteres hat YLine gemacht und das war damals und ist heute die einzig akzeptierte Vorgangsweise im Web. Manchmal beweist einem halt einfach die Zeit!

Das Beispiel von Facebook habe ich nicht gebracht, weil ich so vermessen wäre, YLine damit zu vergleichen, sondern weil es heute einfach das Leitunternehmen im Web ist. Ich hatte nicht einmal selber die Idee zu diesem Vergleich, diese Ehre gebührt einem Kollegen, dem ich dafür danke! Und nein, der Vergleich wird auch  nicht falsch, nur weil die Facebook-Aktie nach Markteinführung abstürzte. Erstens steigt sie wieder kontinuierlich, zweitens zeigt es, dass sich Annahmen über Entwicklungen ständig in beide Richtungen verändern.

PS: würde man die YLine mit den heute gültigen Multiples bewerten, dann wäre alleine der ISP (das war das Projekt mit IBM) € 652 Millionen wert gewesen. Dieser scheinbar unglaubliche Wert lässt sich ganz einfach berechnen: der jährliche Mindestumsatz pro YLine-Kunden (ARPU) von € 209 multipliziert mit den rund 30.000 zahlenden PC-Kunden ergibt rund € 6,2 Millionen Umsatz pro Jahr und das multipliziert mit dem Multiple von 104 ergibt die € 652 Millionen. Wie gesagt, nur eine Rechenübung aber eine, welche die Vergangenheit meines Erachtens bestätigt!

Join the conversation! 3 Comments

  1. […] bezogen auf … —Facebook, YLine und das Bewertungs-Paradoxon des Gutachters Der ganz große Punkt in der Anklage, der viele Angeklagte betrifft ist das Thema Sacheinlagen. […]

    Antwort
  2. […] ← Facebook, YLine und das Bewertungs-Paradoxon des Gutachters Dezember 22, 2012 […]

    Antwort
  3. […] zur Frage der Bewertung der Internetunternehmen im Allgemeinen und der YLine im Besonderen gemacht (siehe hier). Wie ich heute so zwischen Kaffee und Kuchen durch ein paar Unterlagen “surfe”, habe […]

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorie

Unternehmen