Informationstechnische Grundlage für neue Leser

In den letzten Tagen haben wir eine Menge neuer Leser bekommen, die vor allem aus der „IBM-Ökosphäre“ kommen und – soweit ich das anhand der Social Media Kommunikation und der E-Mails verfolgen kann – sich für den tatsächlich zentralen Aspekt der IBM-Partnerschaft der YLine interessieren. Für diese neuen Leser darf ich die bereits über 15 Jahre laufende Causa kurz zusammenfassen und die unterschiedlichen Positionen des YLine-Managements und der Aktionäre einerseits und der IBM andererseits darstellen. Es ist dies meine persönliche Sicht, die von einigen Angeklagten geteilt wird, geteilt werden kann aber die nicht zwangsläufig eine für alle Angeklagten geltende Sichtweise sein muss.

IBM Partnerschaft als Grundlage für das Start-Up YLine

YLine hat im September 1999 eine Partnerschaftsvereinbarung mit IBM unterfertigt. Darin wurde festgehalten, dass IBM und YLine gemeinsam eine europäische Internet-Infrastruktur errichten und IBM die YLine-Produkte vermarkten würde. Zu diesem Zeitpunkt oder kurz danach waren zahlreiche IBM-Manager und IBM-Mitarbeiter Aktionäre der YLine (siehe zB Beitrag hier). Ich selbst war ehemaliger IBMer. Damals, 1999, steckte das Internet hinsichtlich der Breitennutzung noch in den Kinderschuhen und das Vorhaben machte daher strategisch Sinn. Wir haben diese Partnerschaft auch an unsere Aktionäre kommuniziert und auf Grundlage dieser Partnerschaft mit IBM im November 1999 den Börsengang absolviert.

Für die Umsetzung der Partnerschaftsvereinbarung hat YLine sowohl in das Rechenzentrum mit IBM-Großrechnertechnologie auf Basis LINUX, in insgesamt 35.000 IBM-PCs mit eigener Internetsoftware, in Dienstleistungen und Software-Lizenzen investiert. Der Großteil unserer Investitionen, weit über 30 Millionen Euro, floss in Richtung IBM.

IBM stellte in der Folge auch zahlreiche Manager zur Verfügung, die in den Vorstand der YLine bzw. das Managementteam von YLine einzogen. Darunter auch der ehemalige Generaldirektor der IBM Österreich, Günter Pridt, der im Herbst 2000 als sogenannter Chief Operating Officer (COO) in die YLine wechselte und dort für das operative Geschäft verantwortlich zeichnete. Wir haben in diese Personaltransfers im Vertrauen auf die Partnerschaft mit IBM viel Geld investiert und beispielsweise bei Günter Pridt einen Signing Bonus von über eine Million Euro bezahlt (siehe ausführlichen Beitrag der ehemaligen Wirtschaftsprüferin hier). IBM Österreich, IBM Europa und die involvierten IBM-Manager haben die Partnerschaft mit YLine gegenüber Aktionären und Investmentbanken immer wieder schriftlich und mündlich bestätigt.

Die IBM Pensionskasse war ebenso Aktionär der YLine wie viele führende IBM-Manager. Darüber hinaus hielt IBM Europa eine Option zum Erwerb weiterer Aktien an der YLine. Der für die YLine zuständige „Client Executive“ auf Seiten IBM war Dr. Arthur Kozak, der für die Finanzen von IBM Europa zuständig war. YLine war, das lässt sich wohl leicht erkennen, ein Projekt von internationaler Bedeutung für IBM. Auch oder gerade, weil IBM damals im Internet im Vergleich zu seinen Mitbewerbern wie HP oder Sun kaum etwas zu bieten hatte und Referenzprojekte benötigte.

Probleme mit IBM

Im Frühjahr 2001 kam es zu Auseinandersetzungen zwischen IBM und YLine, weil – aus Sicht des YLine-Managements und der Wirtschaftsprüfer – IBM seine Zusagen nicht eingehalten hatte und die YLine dadurch existenziell bedroht war. So haben beispielsweise die beiden angeschafften und bezahlten IBM-Großrechner mit LINUX nie funktioniert und waren – nach Einschätzung unserer Mitarbeiter – bessere und vor allem sehr teure Heizstrahler. Ebenso hat sich die Errichtung des „Center of Competence“ im Sand verlaufen. Hier könnte ich jetzt noch viele andere Projekte anführen, die ähnlich im technisch-organisatorischen Projektdschungel von IBM „verreckten“. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: aus Sicht der YLine wurden viele Millionen Euro unserer Aktionäre in die Partnerschaft mit IBM investiert und seitens IBM kein Erfolg geliefert.

Im Zuge der über die Rechtsanwälte ausgetragenen Diskussionen stellte IBM trotz zunächst gegenteiliger Zusagen an die Wirtschaftsprüfer die Forderung fällig, informierte unsere Investoren, Partner und Kunden über eine angebliche bestehende Generalzession (unser Rechtsanwalt bestreitet das), leitete damit Gelder der YLine zu sich um und teilte der Öffentlichkeit letztlich mit, dass ohnehin YLine niemals ein Partner, sondern „nur“ ein normaler Kunde gewesen sei. Einem von der YLine im Sommer 2001 eingebrachten Antrag auf Einstweilige Verfügung wurde vom Handelsgericht stattgegeben und IBM damit verboten, die Partnerschaft abzustreiten. Am Kapitalmarkt war der Schaden aber bereits angerichtet und das Umfeld war nach dem Zusammenbruch der New Economy dort ohnehin schon sehr schwierig. YLine wurde damals vom wohl führenden Wirtschaftsrechtsexperten Dr. Christian Hausmaninger und seiner Kanzlei vertreten.

Zwangsweise Insolvenz  und Anklage

Das Verhalten von IBM ließ YLine gar keine andere Möglichkeit mehr als die Insolvenz anzumelden. Auf Empfehlung eines hinzugezogenen Sanierungsexperten habe ich dann Mitte September 2001 den Antrag auf Konkurseröffnung am Handelsgericht Wien gestellt. Da IBM die Partnerschaft mit YLine trotz der vorliegenden, rechtsverbindlich unterfertigten Vereinbarungen abstritt, wurde ich vom Staatsanwalt in diesem Zusammenhang wegen des Vergehens eines „waghalsigen Geschäfts“ angeklagt. Ist doch nett, oder? Die IBM-Manager, die ihre Aktien an der YLine rechtzeitig verkauft haben, haben buchstäblich Millionen verdient und das Management eines Start-Ups wird wegen Falschaussagen kriminalisiert.

Im Zuge der gerichtlichen Aufarbeitung zeigte sich aus meiner Sicht, dass IBM als Partner für die YLine positioniert und sich sehr wohl der damit verbundenen Verantwortung, Verpflichtungen und der letztlichen „Nichtlieferung“ bewusst war. Ich sehe nach wie vor die IBM dafür verantwortlich, dass das Start-Up YLine den Konkurs anmelden und die Aktionäre erheblichen Schaden erleiden mussten. IBM und einige der involvierten IBM-Manager, die als Zeugen in der Hauptverhandlung auftreten, werden wohl anderer Meinung sein. Diesen Showdown zu entscheiden wird die Sache des Gerichts sein.

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Kategorie

Gericht, IBM, Unternehmen

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