Der Tag #5 der HV begann mit der Fortsetzung meiner Vernehmung, die damit bereits den dritten Tag andauert. Zunächst wurde ich noch kurz weiter von der Richterin Marion Zöllner befragt, die dann an den Staatsanwalt Alexander Marchart übergab. In dessen Befragung ging es hauptsächlich wieder um die Sacheinlagen. Es wurde mir dabei u.a.  meine Aussage aus der Vernehmung im Jahr 2011 vorgehalten wo ich gesagt habe, dass ich selber die WebLine nie um 5 Millionen ATS in Bar gekauft hätte. Dazu stehe ich nach wie vor. Tatsächlich haben wir als YLine die 74 Prozent an der WebLine im Tausch durch YLine-Aktien im damaligen Wert von knapp € 1,5 Millionen erworben. Es drehte sich also wieder einmal darum, warum man damals die Beteiligungen nicht gegen Geld, sondern durch die Hingabe eigener Aktien erworben und warum man wie bewertet hätte.

Ich versuchte in meiner Einvernahme darzulegen, dass die Übernahme von Anteilen an Internet-Start-Ups im Wege des Anteilstausches mehrere Vorteile gehabt hatte. Zunächst konnte man die abgebenden Partner über die Hingabe von YLine-Aktien nachhaltig motivieren, sich für die gemeinsamen Ziele zu engagieren und gemeinsam auf die Wertsteigerung der YLine-Aktien hinzuarbeiten. Das war definitiv zum Vorteil für die YLine. Man ging ein gemeinsames Risiko ein. Eine Bargeld-Zahlung hätte eine derartige Motivationskomponente niemals gehabt bzw. haben können.

Ein weiterer Vorteil bei der Übernahme von Gesellschaftsanteilen an Start-Ups durch Anteilstausch war, dass damit eine symmetrische Bewertung möglich war. Hier die damals an der Börse nach den geltenden Paradigmen sehr hoch bewertete YLine-Aktie und dort dann ebenfalls nach diesen Internet-Maßstäben bewerteten Start-Ups. Gleiches wurde mit Gleichem verglichen und bewertet und damit aus meiner Sicht auch im bestmöglichen Interesse der YLine agiert.

Die Entwicklung des NASDAQ zu Beginn der New Economy

Die Entwicklung des NASDAQ zu Beginn der New Economy

Damals – in den Jahren zwischen 1998 und 2001 – bewegten sich die Bewertungen der Internet-Unternehmen wie Fieberkurven. Zunächst stiegen die Internet-Bewertungen bis zum Frühjahr 2000 – als wir unsere Sacheinlagen durchführten – auf den Höhepunkt. Der Index der führenden Technologiebörse NASDAQ stieg vom April 1998, als die YLine gegründet wurde, bis zum März 2000 von knapp 1.500 auf über 5.000 Punkte. Ein Jahr später, im März 2001 stand der Index bei knapp 1.600 Punkten. Die YLine-Aktie stand im März 2000 bei € 278 und schmierte dann genauso wie der Rest des Marktes bis zum Frühjahr 2001 auf unter € 20 ab. Diese Entwicklung war kein Spezifikum der YLine, sondern ein allgemeines Marktphänomen, das der Vorstand der YLine zur Kenntnis nehmen und damit umgehen musste. Da ist gefragt, dass man Entscheidungen, die vor dem Hintergrund der guten Marktentwicklung als sinnvoll eingestuft hat, vor dem depressiven Marktumfeld überprüfen und anpassen musste.

Gerade auch in einer ex-post-Betrachtung scheint mir vor einem derartig turbulenten Bewertungsumfeld die Übernahme von Beteiligungen durch Anteilstausch bzw. Sacheinlagen und eine symmetrische Bewertung noch heute die einzig sinnvoll mögliche Variante im Interesse der YLine gewesen zu sein. Eine Bezahlung mit Geld wäre definitiv nicht im Interesse der YLine gelegen. Das hätte das Risiko der Beteiligung einseitig auf die YLine verteilt, die Verkäufer hätten sich über das Bargeld gefreut. So aber waren die Verkäufer der Beteiligung über die von ihnen gehaltenen YLine-Aktien am Risiko beteiligt. Das habe ich versucht zu erklären.

Nach der Befragung durch den Staatsanwalt wurde von Dr. Michael Rohregger, den Verteidiger der angeklagten Wirtschaftsprüferin, ein Befangenheitsantrag gegen den bestellten Sachverständigen Dr. Werner Hallas eingebracht. Der 30-seitige Befangenheitsantrag wurde von Dr. Rohregger vorgelesen und legte eine beeindruckende Fülle von Tatsachen und Argumenten dar, die gegen die Bestellung des Dr. Hallas sprechen. Die Verlesung dauerte ungefähr eine Stunde. Wenn man die vorgebrachten Argumente hört, dann stellt sich einem definitiv die Frage, ob es in einem effizienten Rechtssystem so etwas überhaupt geben darf. Da arbeitet der bestellte Sachverständige Dr. Hallas zunächst als Ermittler der Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei, erarbeitet auf eigene Initiative die nunmehr tatsächlich in der Anklage aufscheinenden Vorwürfe, macht Vorschläge hinsichtlich Ermittlungstätigkeit und -zielrichtung, erarbeitet für den Masseverwalter die an die Staatsanwaltschaft eingebrachte Sachverhaltsdarstellung (Anzeige), empfiehlt der Staatsanwaltschaft diverse Schritte, erarbeitet dann als Erfüllungsgehilfe und Kanzleipartner des ehemaligen Sachverständigen Dr. Keppert dann das vorliegende Strafgutachten mit seinen eigenen Ermittlungserkenntnissen weitgehend selbständig und soll dann in der Hauptverhandlung als objektiver und unabhängiger Sachverständiger auftreten. Das ist, so Dr. Rohregger, nach menschlichem Ermessen gar nicht möglich. Im Grunde, so das Argument, hat der Sachverständiger gar keine andere Rolle als das Gutachten und damit die Anklage zu verteidigen.

Das gesamte Vorgehen rund um die involvierten Sachverständigen ist schlicht eine Chuzpe und so haben das dann auch die meisten der übrigen Strafverteidiger gesehen, wie ich in persönlichen Gesprächen vernommen habe. Juristisch gesehen würden damit – wieder einmal – die verfassungsmäßigen Rechte auf ein faires Verfahren verletzt, was einen Nichtigkeitsgrund für das Verfahren darstellt.

Nach Dr. Rohregger hat dann auch noch die Verteidigerin des ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Ernst Hofmann, Dr. Alexia Stuefer, einen Befangenheitsantrag eingebracht und darauf verwiesen, dass der damalige Staatsanwalt Krakow sogar medial die Öffentlichkeit wissen ließ, dass er den Sachverständigen „motiviert“ habe, hier etwas zu finden. Auch das nur eines von vielen Indizien, dass die involvierten Sachverständigen Dr. Keppert und Dr. Hallas als „Anzeigegutachter“ agiert hätten.

Mein Verteidiger Dr. Oliver Scherbaum hat sich dem Antrag von Dr. Rohregger angeschlossen, ebenso wie einige andere Angeklagte und deren Rechtsvertreter.

Am kommenden Dienstag geht es dann mit meiner Vernehmung weiter.

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Kategorie

Gericht, Gutachter, Prozesstagebuch