Heute war Tag #6 der Hauptverhandlung und Tag #4 meiner Einvernahme. Morgen geht es damit weiter und es sieht beinahe so aus, als könnten wir damit die erste Runde meiner Einvernahme abschließen. Bei 5 Tagen Vernehmung geht mir auch langsam der „Vergnügungsfaktor“ aus aber ich bin trotzdem froh, dass es die Möglichkeit der Rede nach 13 Jahren endlich gibt. Auch heute fand die Befragung ohne den bestellten Gutachter Dr. Hallas statt. Eine Entscheidung über die von Dr. Rohregger und Dr. Stuefer eingebrachten Ablehnungsanträge (siehe Beitrag hier) gab es heute noch nicht. Für mich insofern ein gutes Zeichen, als sich das Gericht die Entscheidung zumindest nicht leicht macht.

Heute wurde mit den Themen Bilanzfälschung, Vergehen wegen § 255 AktG und IBM weitergemacht. Darüber hinaus ging es im Verbindung mit IBM auch um das Thema Zahlungsunfähigkeit. Zum Thema Bilanzfälschung fiel mir nicht wirklich viel ein. Bei den Abschreibungen, die im Jahresabschluss 2000 angeblich zu gering ausfielen, konnte ich insofern keinen Beitrag leisten, weil ich stets im Vorstand aber auch gegenüber den Wirtschaftsprüfern offen war und angewiesen habe, abzuschreiben, was abzuschreiben wäre. Aber selbst heute bin ich noch der Meinung, dass da keine Fehler passiert sind. Wir haben damals im Vergleich zu anderen Internet-Unternehmen vor dem Hintergrund der depressiven Marktentwicklung sehr früh und sehr viel abgeschrieben. Und hinter den gewählten Ansätzen stehe ich auch heute noch im Sinne meiner Verantwortung als damaliger Vorstand.

Beim Vorwurf wegen falscher Darstellung der Gesellschaft gemäß § 255 AktG in Verbindung mit dem ersten Quartal 2001 konnte ich der Richterin Marion Zöllner und dem Staatsanwalt Alexander Marchart lediglich entgegenhalten, dass aus meiner Sicht in den drei angeklagten Fällen die Leistung im ersten Quartal 2001 vereinbart und erbracht und im zweiten Quartal 2001 verschriftlicht und periodengerecht abgerechnet wurde. Und ja, da fanden Gegenverrechnungen statt die aber aus meiner Sicht zulässig und vorteilhaft waren. Ich meine, heute sagt man dazu „kollaborative Ökonomie“ und findet überhaupt nichts mehr dabei. Damals waren die „Barter-Transaktionen“ im Umfeld der New Economy im Rahmenwerk des von uns angewandten US-GAAP gang und gebe.  In Österreich mit dem HGB hingegen hat das wahrscheinlich exotisch angemutet. Aber hierzulande schlug das Internet ja auch erst mit einigen Jahren Verzögerung nieder.

Spannend waren in diesem Zusammenhang die mir von der Richterin vorgelegten Stellungnahmen und Aktenvermerke der damaligen Wirtschaftsprüferin. Diese hatte gegen die Verbuchung der Geschäftsfälle Einwendungen erhoben und auch gleich ihr Mandat zurückgelegt (glaube ich). Ich kannte diese Einwendungen, dachte allerdings, dass unser damaliger Finanzvorstand das mit der Wirtschaftsprüferin letztlich abgeklärt hatte. Diese hatte den Quartalsabschluss damals weder geprüft noch „reviewed“ noch war das ein offizielles, unterfertigtes Dokument wie ein Jahresabschluss. Wie auch immer, wir haben damals auch schriftlich gegenüber der Wirtschaftsprüferin festgehalten, dass für den Fall, dass sie bei einer Prüfung trotz unserer Dokumentation ein Problem hätte, wir den Quartalsabschluss „restaten“ würden. Aus meiner Sicht eine harte aber transparente Diskussion, kein Mauscheln, keine Heimlichkeiten. Wäre ich Richterin gewesen, dann hätte ich wahrscheinlich genau diese Unterlagen auch vorgelegt. Hier gäbe es aus meiner Sicht als Richterin tatsächlich Erklärungsbedarf und genau dafür ist eine Hauptverhandlung da – auch wenn diese ein Jahrzehnt früher hätte stattfinden können. Dann wäre unsere Erinnerung frisch und unser Finanzvorstand könnte die Fragen noch beantworten können.

Spannend war dieser Teil auch insofern, weil die Anklage der Wirtschaftsprüferin einerseits unterstellt, dass sie mit dem Vorstand bei den Sacheinlagen im Frühjahr 2000 „gepackelt“ hätte, also Beitragstäterin bei der behaupteten Untreue gewesen wäre, und andererseits legt die Vorgangsweise beim Quartalsabschluss 2001 genau das Gegenteil dar. Da wurde von der Wirtschaftsprüferin mit harten Bandagen gegen den Vorstand der YLine geschossen. Hätten wir wirklich bei den Sacheinlagen im Frühjahr 2000 gepackelt, dann wäre das Verhalten der Wirtschaftsprüferin beim Quartalsabschluss 2001 nicht erklärbar und nicht möglich gewesen. Für mich zeigt das heute aufgearbeitete Vorgehen beim Abschluss Q1/01, dass damals eine gesunde kritische Distanz der Wirtschaftsprüfer gegenüber dem Vorstand vorhanden war. Auch wenn das für mich nicht so schmeichelhaft ausfällt. Aber so war es halt!

Beim Thema IBM ging es nach der Pause dann ins Detail. Ich war angenehm überrascht, dass die Fragen dabei in die Tiefe gingen und legte im Zuge meiner Einvernahme viele Unterlagen vor. Dazu gehörten interne IBM-E-Mails aus der damaligen Zeit ebenso, wie offizielle Dokumente, die sich leider nicht im Akt finden und damit meines Erachtens in Verbindung mit falschen Aussagen einiger IBM’er überhaupt erst zu diesem Anklagepunkt führten. In Sachen IBM geht es morgen mit Befragungen durch Staatsanwalt und die Anwälte der anderen Angeklagten weiter.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorie

Gericht, IBM, Prozesstagebuch

Schlagwörter