Heute nahm die Hauptverhandlung an Geschwindigkeit auf. Die Vernehmung der Zweitangeklagten wurde abgeschlossen und wieder stand dabei das Thema IBM im Zentrum. Richterin wie Staatsanwalt wollten von ihr wissen, wie das Verhältnis zwischen IBM und YLine war und warum IBM sich über vertragliche Schranken einfach hinweg setzen konnte. Das war eben „David gegen Goliath“ legte die Angeklagte das damalige Verhältnis zwischen IBM und YLine dar. In juristischem Deutsch wurde das Verhalten von IBM damals, im Frühjahr/Sommer 2001, von dem von YLine hinzugezogenen Wirtschaftsanwalt Dr. Christian Hausmaninger als „unfaire Geschäftspraktik“ und „Ausnutzung der marktbeherrschenden Stellung“ bezeichnet. Entsprechende Klagen wurden im Juli und August 2001 von uns ebenso wie Beschwerden an die Börsenaufsichtsbehörden in Brüssel und New York eingebracht. IBM wollte uns dann damals – aus meiner Sicht – nur mehr rasch entsorgen.

Ein schlagendes Beispiel für das damalige Verhalten von IBM war, dass der IBM-Pressesprecher im Juli 2001 gegenüber Analysten und Medien trotz der vorliegenden Verträge die Partnerschaft mit YLine abstritt und uns damit am Kapitalmarkt quasi im Alleingang vernichtete. Gegen diese Aussagen konnte YLine damals über die Kanzlei Hausmaninger eine Einstweilige Verfügung erreichen (siehe auch Bericht hier) aber die Kreditschädigung war passiert und die Aktie der YLine in den Keller gerutscht. Diese faktische Möglichkeit, YLine jederzeit zu schädigen und zu vernichten war wohl von der Angeklagten gemeint, als sie den biblischen Vergleich „David gegen Goliath“ strapazierte.

Abgeschlossen wurde diese Vernehmung noch durch die direkte Befragung der Zweitangeklagten durch die ebenfalls angeklagte Wirtschaftsprüferin. Diese hatte sich vom Gericht des Befragungsrecht erbeten, das ihr auch gewährt wurde. Die Wirtschaftsprüferin wollte dann noch genaueres zur IBM, dem PC-Projekt und dem Verhalten von IBM wissen.

Nach einer kurzen Pause ging es dann mit der Einvernahme des drittangeklagten ehemaligen Vorstandes weiter. Dieser war, bevor er mit Anfang 2001 in den Vorstand der YLine wechselte, als Manager bei IBM tätig und dabei auch direkt wie indirekt in die Geschäftsbeziehung mit YLine involviert. Er kannte also beide Seiten und das machte seine Vernehmung interessant. Im Zuge der Einvernahme konnte der ehemalige Vorstand dabei anhand interner IBM-E-Mails darlegen, wie IBM mit der Geschäftsbeziehung zu YLine umging. Er legte dar, wie wichtig beispielsweise das Internet-PC-Projekt mit YLine für die IBM war. Die Marktanteile von IBM am österreichischen PC-Markt waren damals so niedrig, dass die IBM nur an Nummer sechs unter den Mitbewerbern lag. Ohne das PC-Projekt mit YLine hätten im Jahr 2000 nur knapp 58 Prozent der Planzahlen im PC-Marktsegment erreicht werden können. Mit dem PC-Projekt mit YLine und der Mediengruppe NEWS im Frühjahr 2000 konnten die Planzahlen hingegen um 20 Prozent übererfüllt und die Position der Marktführers am österreichischen PC-Markt erreicht werden. Darüber hinaus hätten die betroffenen IBM’er mit dem YLine-Geschäft schöne Umsatzprovisionen auf ihren Gehaltszetteln gefunden. YLine, so der ehemalige Vorstand, war damals für IBM und die IBM’er ein sehr wichtiger Partner und eine Möglichkeit, das damals stagnierende Geschäft der IBM Österreich zu stimulieren.

Interessant war dann auch die Art und Weise, wie der Angeklagte seinen Wechsel von der IBM in den Vorstand der YLine beschrieb. Im Sommer 2000 hatte er bei der IBM gekündigt und einen Job als Geschäftsführer einer bekannten US-Softwarefirma angenommen. Der damals für YLine zuständige Partnermanager Walter Fuchs – er war auch ein Schlüsselaktionär der YLine (siehe auch Beitrag zu Walter Fuchs hier) – sprach ihn an und fragte ihn, ob er für ihn „die YLine restrukturieren könne“. In der Folge wurde von Walter Fuchs der Kontakt zwischen mir und ihm vermittelt. Zu diesem Zeitpunkt war bereits der ehemalige Generaldirektor der IBM Österreich, Günter Pridt, in unseren Vorstand eingezogen. Tatsächlich kam es dann über Vermittlung von Fuchs zu entsprechenden Terminen mit dem Angeklagten und in der Folge auch zu einem Engagement als Vorstand der YLine „unter“ der Führung von Pridt. Andere Firma, selber Chef!

Am Ende der heutigen Einvernahme wurde der Drittangeklagte zu seinem Verhältnis zu Friedrich Scheck befragt, gab dabei ein launiges Statement ab und bezeichnete diesen als „inversen David Copperfield“. Man wisse halt nie, wo Scheck gerade stehe und was er gerade mache. Im Regelfall genau das Gegenteil von dem, was man erwarten würde oder von ihm zugesagt wurde. Er hätte Friedrich Scheck auch nicht benötigt, um seine Aktien zu verlieren, das hätte er schon selbst gemacht. Damit spielte er offenbar auf den Umstand an, dass ich Friedrich Scheck im Dezember 2000 über 96.000 YLine-Aktien geborgt und nicht mehr zurückerhalten hatte. Zumindest konnte damit eine anstrengende Woche mit 5 intensiven Verhandlungstagen mit etwas Lachen abgeschlossen werden.

Am Dienstag den 13. Mai 2001 geht es mit den Einvernahmen weiter.

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Gericht, IBM, Prozesstagebuch

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