Der Staatsanwalt im Standard über die YLine

Heute wurde die am Tag #9 begonnene Befragung des ehemaligen Technikvorstandes fortgesetzt. Dabei zeigte sich die Richterin Marion Zöllner im Vergleich zu den bisherigen 9 Hauptverhandlungen von einer anderen Seite. Die Befragung war in hartem Ton gehalten, der bisweilen schon fast unfreundlich wirkte und einige der Angeklagten irritierte. Die Fragen wurden von ihr präzise vorgetragen, Antworten im Detail sofort hinterfragt und auch überraschende Fragen gestellt. So wollte die Richterin den „typischen Arbeitstag“ eines Vorstandes eines Internet-Start-Ups erfahren und wissen, wann er zu arbeiten begann, wie lange er arbeitete und welche Tätigkeiten seinen Arbeitstag ausfüllten. Besonders hellhörig wurde sie stets bei einigen Signalwörtern wie „Probleme“ oder „Restrukturierung“. Hier rang der befragte Vorstand mit der Richterin die gesamte Vernehmung hindurch um Semantik und Bedeutungsinhalte. Insgesamt wirkten heute Richterin wie Angeklagter bestens vorbereitet, was in einem interessanten und intensiven verbalen Schlagabtausch resultierte, der sich über knapp drei Stunden zog und dann mit der ebenfalls ausführlichen Befragung durch Staatsanwalt und die Rechtsvertreter der übrigen Angeklagten endete. In Summe war der Tag #10 der HV ein sehr anstrengender aber als ehemaliger Offizier hielt der Drittangeklagte tapfer seine Stellung.

Der befragte ehemalige Vorstand ließ sich aus meiner Sicht durch diese Stiländerung nicht irritieren und hielt mit seinen Antworten entgegen. Er war gut vorbereitet und konnte die von ihm dargebrachten Antworten und Argumente mit Unterlagen beweisen, die er dem Gericht übergab. Den präzisen Fragen der Richterin begegnete der ehemalige Vorstand mit ausführlichen, den jeweiligen Sachverhalt absteckenden Antworten. Die Richterin ließ ihn fairerweise auch immer den Raum für seine Ausführungen, hakte dabei aber ständig nach.

Besonders intensiv war – natürlich würde man schon fast sagen – das Thema IBM. Aber auch die Rolle des Drittangeklagten innerhalb des Vorstandes wurde ausführlich hinterfragt. Vorstandsprotokolle wurden vorgelegt, Aussagen geprüft und plausibilisiert. Der Drittangeklagte meinte, dass er „unter“ dem damaligen COO Günter Pridt bis zu dessen Ausscheiden mit Ende Mai 2001 als Vorstand für die neuen Geschäftsbereiche rund um das Application Service Providing (ASP) tätig war. Erst mit Abgang von Pridt hätte er mit Juni 2001 die alleinige Verantwortung für den operativen Bereich von Pridt übernommen. Er habe immer an die YLine und ihre Idee geglaubt und daher noch Ende April 2001 mit einem eigens dafür aufgenommenen Kredit Aktien um eine Million Schilling gezeichnet. Überhaupt hat er bis zu dem Zeitpunkt als „IBM die YLine in die Insolvenz schickte“ an die YLine geglaubt.

Der Staatsanwalt im Standard über die YLine

Bericht im Standard (März 2004)

Bei den Fragen zu den vorhandenen Projekten erwähnte der Vernommene, dass dazu auch die ARES Community-Lösung zählte. Das war jene Lösung, die wir damals u.a. für die FPÖ gegen Bezahlung entwickelt haben und die uns dann auch – neben der Beteiligung von Karl-Heinz Grasser an der YLine und unserer Tochter FirstInEx – in das politische Fahrwasser der FPÖ brachte, was vor allem der Tageszeitung Standard stets zynische Artikel über mich und die YLine wert war. Der Drittangeklagte legte seine Meinung dar, dass es dieses Projekt und die damit konstruierte Nähe zur FPÖ war, welche das geifernde Verhalten der Staatsanwaltschaft und die von der Staatsanwaltschaft durchgeführte mediale Vorverurteilung auslösten. Beispielsweise äußerte sich der damals zuständige Leiter der Wirtschaftsabteilung der Staatsanwaltschaft Wien, Erich Müller, ganz ungeniert:

Wir werden weiter in der Jauche stieren. Wir werden etwas finden“ (siehe meinen dazu Beitrag hier).

Das war 2004, ganze 8 Jahre vor Anklageerhebung und 10 Jahre vor Beginn der aktuellen Hauptverhandlung. Der Drittangeklagte zeigte sich über diese Vorgangsweise der Staatsanwaltschaft heute – unwidersprochen – empört. Die Richterin ließ ihm das durchgehen und zwei Verteidiger äußerten aus den hinteren Reihen ihre Zustimmung dazu. [Anmerkung: Ich meine, die häufigen medialen Vorverurteilungen der Anklagebehörde waren unglaublich und haben mich persönlich, meine ehemaligen Kollegen und deren Familien über ein Jahrzehnt hinweg kriminalisiert. Tatsächlich hat die Staatsanwaltschaft nach den medialen Kraftakten dann die Sache 6 Jahre ohne Ermittlung einfach liegen lassen. Ist ja auch egal, oder? Die Rechte von Beschuldigten? Wen interessiert denn das? Die Frage ist aber wohl viel eher, wer hier wirklich gegen gesetzliche Rahmenbedingungen verstoßen hat – die Staatsanwaltschaft oder wir von der YLine?]

Ausführlich wurde dann vom Staatsanwalt die Zusammenarbeit mit dem Analysten George Garafas von den Lehman Brothers hinterfragt. Die Fragen zielten meines Erachtens darauf ab, ob es hier unerlaubte kursbeeinflussende Maßnahmen von Seiten YLine gegeben hätte. In diesem Zusammenhang wurde auch die Geschäftsbeziehung zu unserem Investmentpartner Navigator hinterfragt. Aus meiner Sicht fielen auch hier die Antworten des Drittangeklagten schlüssig und nachvollziehbar aus. Dies auch, wie er selbst darlegte, obwohl er kein Experte für den Kapitalmarkt sei und diesen erst bei YLine kennengerlernt hatte.

Auf die Rolle des IBM-Managers Walter Fuchs angesprochen meinte der ehemalige Vorstand, dass dieser wohl aus seiner Sicht der größte Insider bei YLine gewesen sei. Wenn jemand gewusst hätte, was IBM mit YLine macht, dann dieser und zwar noch bevor die YLine dies wusste. Tatsächlich war Fuchs ein YLine-Aktionär der ersten Stunde (siehe meinen Bericht hier). Fuchs war es auch, der ihn im Sommer 2001 ersuchte, zur YLine zu wechseln und „die YLine für ihn zu restrukturieren“. Diese Restrukturierung war aber nur technisch gemeint und nicht finanziell, meinte der Drittangeklagte. Auch hier rangen die Richterin und er um Semantik.

Interessant war auch die Diskussion zum Gehalt des ehemaligen Vorstands. Er gab an, 9.000 Euro brutto verdient zu haben. Das Gehalt war bestenfalls eine Risikoprämie für seine Tätigkeit, denn als Vorstand muss man jederzeit damit rechnen, sich – wie er gerade – vor Gericht wiederzufinden. Und da er selber knapp 75.000 Euro in die YLine investiert hätte, wäre sein Saldo ohnehin negativ. Er würde auch nie wieder als Vorstand arbeiten und in Österreich kein Start-Up mehr machen wollen. Eine Betrachtungsweise, die aus meiner Sicht eine zwingende Logik hat, oder?

Morgen geht es dann mit der Wirtschaftsprüferin weiter.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

About Redakteur

Gründer und CEO von YLine und damit ein authentischer Berichterstatter über die spannende Zeit des wirtschaftlichen und politischen Wechsels am Ende des alten Jahrtausends.

Kategorie

Gericht, Prozesstagebuch