Heute wurde die Vernehmung der angeklagten Wirtschaftsprüferin von Ernst & Young fortgesetzt. Da durfte ich dann erfahren, wie die Situation bei YLine damals bei Ernst & Young intern eingeschätzt wurde. Meine Person kam da sehr wenig schmeichelhaft weg: ich wäre ein Visionär, der keinerlei Wert auf Organisation legt. So war die Einschätzung der damaligen Wirtschaftsprüferin, die sie in internen Prüfungsunterlagen festhielt. Naja, da kann das Ego dann schon ein paar zusätzliche Dellen nehmen und das Gericht hat das natürlich gerne gehört.

Ich frage mich, nur so zum Schutz meiner Psyche, dann, wie es ein Mensch ohne jeglichen Sinn für Organisationen schaffen kann, ein Team von Leuten für ein Management-Buy-Out zu organisieren, ein Unternehmen zu gründen, andere Leute dafür zu begeistern und – zumindest am Beginn – gemeinsam mit einem internationalen Großkonzern den wachstumsstärksten Internet Service Provider aufzubauen. Personal inklusive! Aus meiner Sicht hatte ich ein tolles Team aus fähigen und hochmotivierten Leuten, die wirklich Vieles schafften. Dass wir letztlich gescheitert sind, lag sicherlich nicht an diesem Team. Aber genug Wunden geleckt!

Die Vernehmung dauerte heute bis fast 15.00 Uhr und war schon vom Zuhören extrem ermüdend. Für mich überraschend gestand die Wirtschaftsprüferin ein, dass sie die IBM-Verbindlichkeit falsch gesehen habe und diese eigentlich nicht mehr in der Bilanz 2000 verbucht hätte werden dürfen. Sie hätte mir damals nicht geglaubt und auf die Aussagen von meinem Kollegen Pridt vertraut. Auf Grund der Unterlagen im Akt konnte sie die IBM aber nunmehr richtig beurteilen. Richterin und Staatsanwalt haben in der Folge so viele verschiedene Aspekte hinterfragt, dass das auch die angeklagte Wirtschaftsprüferin leicht erkennbar an den Rand ihrer physischen Belastungsmöglichkeit brachte. Hätte ihr Anwalt nicht gegen 15.00 Uhr eine Beendigung angeregt, dann hätten wir wahrscheinlich den ersten Ambulanzfall in diesem Monsterprozess erlebt.

Generell sind Luft und Akustik in diesem Gerichtssaal unglaublich belastend. Schon am Morgen hatte die Fünftangeklagte bei der Richterin ihre Angeschlagenheit gemeldet. Entsprechend erschöpft bis leicht abwesend wirkte sie auch während der knapp fünfstündigen Vernehmung und wenn es nicht bewusste Taktik des heutigen Verhandlungstages war, dann war es schlicht unfair, genau heute die bisher längste Hauptverhandlung durchzuführen. Hinzu kam, dass der Hauptverteidiger der Angeklagten krankheitsbedingt nicht teilnehmen konnte. Ich habe überhaupt nicht verstanden, warum trotzdem die Vernehmung stattfand. Ein ermüdender Chaostag eben.

Am nächsten Mittwoch geht es mit ihrer Vernehmung weiter.

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Kategorie

Gericht, Prozesstagebuch