Die Aussagen des Daimler-Managers und Sachverständigen im Strafverfahren 2007

Die Aussagen des Daimler-Managers und des Sachverständigen im Strafverfahren 2007

Man kann einen Sachverhalt so lange drehen, bis er einem tatsächlich in sein persönliches Bild passt. Das macht die Anklage meines Erachtens an vielen Stellen so wie beispielsweise bei der IBM, wo wesentliche Unterlagen und Informationen ausgeblendet und relevante Zeugen gar nicht erst einvernommen wurden. Ähnlich ist das auch bei den nunmehr angeklagten Umsätzen des ersten Quartals 2001, wo es um den Vorwurf des § 255 AktG geht, also um die falsche Darstellung des Unternehmens in der Öffentlichkeit. Die Kernfragen dabei sind im Rahmen der Hauptverhandlung, ob unser Produkt ARES im ersten Quartal 2001 überhaupt schon verkaufsfähig war und ob es tatsächlich im ersten Quartal 2001 zu einem Abschluss kam. Zusammengefasst, ob wir die betreffenden ARES-Umsätze im Quartal 1/01 bereits einbuchen hätten dürfen.

So spannend das Thema scheint – es wurde über weite Strecken bereits vor vielen Jahren vor dem Strafgericht abgehandelt. Damals, im Jahr 2007, hat die Anklage mir und zwei anderen Personen vorgeworfen, dass wir mit ARES im Jahr 2000 Scheinumsätze eingebucht und damit gegen §§ 33 bzw. 11 FinStrG verstoßen hätten. ARES, so der Vorwurf, wäre damals noch gar nicht vorhanden oder verkaufsfähig gewesen. Das Gericht unter der Richterin Claudia Moravec-Loidolt hat die Anklage abgewiesen und uns freigesprochen (GZ 121 Hv 66/06x). Hier der Bericht über die damalige Hauptverhandlung im Wirtschaftsblatt: Knalleffekt – Freispruch für YLine-Gründer Werner Böhm.

Die Staatsanwaltschaft – damals waren das noch Georg Krakow und seine Kollegin Sonja Herbst – hat dagegen keinen Einspruch erhoben. Für mich war das Thema ARES und die Frage, ob es ARES in verkaufsfähiger Form gegeben hat, damit erledigt. Falsch gedacht, es kommt 7 Jahre danach in neuer Verpackung wieder daher. Es soll jetzt noch einmal mit einem – scheinbar – anderen Zugang darüber entschieden werden. Wie oft denn bitte noch?

Dabei wurde damals wie heute von der Anklage geflissentlich übersehen, dass ARES damals kein brandneues Produkt war, sondern lediglich die Zusammenfassung bereits vorhandener, von YLine für diverse andere Projekte entwickelter Anwendungen in einem modulartig aufgebauten Paket war. Wir haben damit damals bereits vorhandene, individuelle Module nach dem Motto – einmal entwickeln und mehrmals verkaufen – standardisiert und wiederverkaufsfähig gemacht. Und dieses Paket bekam einen neuen Namen – ARES eben. Die einzelnen Module waren bei der Metro-Tochter Primus Online ebenso im Einsatz wie bei unserer FirstInEx, die gemeinsam mit der Basler Versicherung entwickelt wurde oder bei der BlueBull AG, die bereits seit dem Frühjahr 2000 online war. ARES war meinem Verständnis nach wie SAP ein Set von verschiedenen existierenden Standard-Modulen, die von den jeweiligen Kunden dann angepasst und erweitert wurden. Bei SAP heißt das dann „Customizing“ oder „Individualerweiterungen“. Der Begriff „fertige Software“ trifft also auch auf SAP keinesfalls zu, da man ohne diese kundenspezifischen Ergänzungen kein lauffähiges Produkt hat. Man erhält von SAP eine Lizenz und damit das Recht, damit zu arbeiten. Auch wir haben ARES nicht als Produkt in irgendwelchen Schachteln und Paketen, sondern als Lizenzrecht verkauft und den Kunden den Zugang zu den Modulen zur weiteren Entwicklung eingerichtet bzw. übergeben.

Die Aussage des Daimler-Managers in Sachen ARES im Strafverfahren 2007

Die Aussage des Daimler-Managers in Sachen ARES im Strafverfahren 2007

Bereits zum Jahreswechsel 2000/01 arbeitete der Automobilkonzern Daimler zunächst mit dem Prototyp von ARES Finance und war begeistert. Im Strafverfahren 2007 ließ man den damaligen Projektleiter von Daimler eigens aus Mexiko oder Brasilien, wo er damals im Daimler-Konzern stationiert war, einfliegen und als Zeugen aussagen. Der Zeuge sagte, dass ARES damals aus seiner Sicht das „Nonplusultra“ in Sachen Software gewesen wäre und Daimler die Lizenz nach ausführlichen Tests um 1,5 Millionen Euro von der YLine-Tochter Proofit erwerben wollte (siehe Bild links und oben). Nun, Daimler ist ja nicht irgendein Wald-und-Wiesen-Konzern, sondern spielt in der Klasse von IBM. Da geht gar nichts ohne ausführliche Tests. Und per Gerichtsurteil wurde festgestellt, dass es offenbar bereits im Jahr 2000 ARES in einer Form gegeben hat, die Lizenzumsätze ermöglicht.

Der Sachverständige zu ARES und der Vorgangsweise von YLine

Der Sachverständige zu ARES und der Vorgangsweise von YLine

Es wurde im Strafverfahren aus dem Jahr 2007 auch ein Sachverständiger gehört, der bestätigte, dass die Vorgangsweise von YLine branchenüblich gewesen sei, dass es sich bei den, von der YLine-Tochter Proofit an Daimler übergebenen Unterlagen um ARES-Unterlagen gehandelt hat (siehe Bild rechts) und dass dann im Jahr 2001 durch YLine bzw. Proofit und Daimler innerhalb eines Projektes die kundenspezifische Anpassung bzw. Individualentwicklung durchgeführt wurden. Alles gerichtlich ordentlich dokumentiert.

Jetzt haben wir das Thema auf der Anklageseite wieder! Es sind teilweise die identen Fragen wie 2007 – hat es ARES gegeben? Warum wussten manche Mitarbeiter darüber nicht ausführlich Bescheid? In welchem Zustand war ARES? etc etc. Im übrigen hat jener Technikvorstand, der ARES „erfunden“ hat, dafür zuständig war und nunmehr auch angeklagt ist, im Jahr 2007 die Aussage als Zeuge mit Hinweis auf das parallel laufende „Haupt“-Strafverfahren YLine verweigert. Irgendwie schon alles kafkaesk, oder?

 

Join the conversation! 3 Comments

  1. Ich bin der erste Poster seit langem; oder ist hier die Zensur so streng? Freu Dich lieber Werner! Und das obwohl Du ja meinst, dass diese Seite so massiv geposted wird.
    Kurz zu ARES und da musste ich einfach zu Wort kommen.
    Auch Dein lieber Daimler Freund hat nur einen Teilaspekt der ARES Plattform gemocht. Das Produkt als Ganzes war eine Erfindung – von wem wohl????!!! – bzw es war eine VISION aber so wie Du sagst, IBM tut nix anderes. Nur Du landest vor dem Strafrichter. Insofern denke ich, dass die genauso dafür BÜßen sollten

    Antwort
    • Hallo Bernd Fessler, ich zensuriere hier kaum außer es widerspricht der öffentlichen Ordnung ;). Wir haben hierzulande grundsätzlich eine andere Bloggingkultur und mein Blog wird in erster Linie gelesen bzw. werde ich per Email kontaktiert.

      Ich gebe dir recht, da du ja genau meinen Artikel wiedergibst: ARES war ein Modulsystem und die Kunden konnten sich die benötigten Module aussuchen, wie eben Daimler auch. Die einzelnen Module, lieber Bernd, waren aber bereits vorhanden, da wir diese von bestehenden Lösungen übernommen haben. Oder wer meinst du, dass für Primus Online die damals führende E-Commerce-Seite betrieben hat? Die hat funktioniert und war Basis für ARES Retail. Ohne viel Visionen.

      Wie gut oder schlecht auch immer die einzelnen Module waren aber sie waren unleugbar vorhanden. Sogar für mich als Nichttechniker erkennbar.
      lg Werner

      Antwort
      1. Ich kann jetzt einfach nicht widerstehen und möchte meinen Lesern Bernd Fessler (Bloggername „Brian Finn“) vorstellen. Damals bei unserer Investmentbank ICE Securities Ltd in London als Salesman tätig hat er uns die nunmehr angeklagte Kontornet vorgestellt und gemeinsam mit mir war er damals in Kopenhagen bei Kontornet. Heute ist Bernd nach wie vor im Investmentbanking tätig und hat den Hype damals Gott-Sei-Dank unbeschadet überstanden. Ich habe ihn damals als sehr kompetenten und kritischen Investmentbanker empfunden und das hat mir auch bei Kontornet das entsprechend gute Gefühl gegeben, das man benötigt.
      Antwort

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Gericht