Der Tag #14 war aus meiner subjektiven Sicht der bisher „beste“ Tag der Hauptverhandlung, sofern es so etwas gibt.

Zunächst legte ein angeklagter ehemaliger Aufsichtsrat der YLine – ein Industrieller der „Old Economy“ (Eigendefinition) – dar, wie er die YLine gesehen und empfunden hatte. Ihm ging damals alles zu schnell, die Dinge wurden zu wenig diskutiert und zu rasch umgesetzt. Er hätte akzeptiert, dass die New Economy dieses Tempo vorgab aber die organisatorischen Mängel des raschen Wachstums wären erkennbar gewesen. Er hätte manches gerne anders gesehen oder gehabt, hätte daher in diesem Umfeld immer weniger beizutragen gehabt und wäre daher in aller Freundschaft im Frühjahr 2000 aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden. In den Aufsichtsrat war er im Frühjahr 1999 auf meinen Wunsch eingetreten. Ich wollte das damals, eben weil ich einen kritisch-konstruktiven Aufsichtsrat und keine „Abnicker“ haben wollte. Hätte ich das gewollt, dann hätte ich es mir leichter machen können. Vieles an der dargebrachten Kritik konnte ich nachvollziehen auch wenn ich teilweise einen anderen Zugang zur Sache gehabt habe. In Summe fielen in der Einvernahme aus meiner Sicht in der Sache kritische Aussagen, deren Perspektive ich aber nachvollziehen konnte. Ich schätze derartige Diskussionen, wenn auch nicht an solchen Orten.

Danach ging es mit der Einvernahme eines „New Economy“-Analysten weiter, der als ehemaliger Aufsichtsrat der YLine ebenfalls angeklagt ist. Das ergab ein interessantes Kontrastprogramm zum vorher einvernommenen Angeklagten aus der „Old Economy“. Die angesprochenen Sachverhalte wurden von den beiden vor ihrem jeweiligen persönlichen Hintergrund unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Es gibt eben keine objektive, sondern nur subjektive Wirklichkeiten. In den beiden Aussagen lagen aus meiner Sicht keine Widersprüche aber eben andere Bewertungen! Der ehemalige Analyst legte in einer unaufgeregten Art und Weise Weltbild und Realität der New Economy präzise dar und erklärte warum damals was und wie gemacht wurde. Probleme waren gelebte Realität und Geschwindigkeit wurde als Wettbewerbsvorteil gesehen.

Der ehemalige Aufsichtsrat war damals im Brotberuf Analyst bei einer Londoner Investmentbank und dabei auf Aktien der New Economy fokussiert. Somit kann er wahrscheinlich als Experte in Sachen New Economy und Bewertungen gesehen werden. Er hatte daher den erforderlichen Überblick über das Geschehen der frühen Internetszene, konnte über den Tellerrand der YLine hinausblicken und vergleichen. Ausführlich und nachvollziehbar legte er dar, wie damals Internet-Unternehmen bewertet wurden, warum die Bewertungen der YLine bei Übernahmen im aggressiven Marktumfeld aus seiner Sicht sogar verhältnismäßig konservativ ausgefallen sind und warum damals die Anwendung der Discounted Cash Flow (DCF)-Methode sehr schwierig und fehlerbehaftet war. Er zeigte auf, wo das der Anklage zu Grunde liegende Gutachten des Dr. Keppert seiner Ansicht nach falsche Annahmen getroffen hatte und damit zu falschen Schlussfolgerungen gelangt war. Der Angeklagte wies darauf hin, dass die zwischenzeitlich auch von der österreichischen Kammer der Wirtschaftsprüfer vorgeschriebene Multiplikatormethode damals eben die geeignetere für Unternehmensbewertungen gewesen war. Bei fehlenden Vergangenheitsdaten und völlig unsicherer Zukunft hätte die Multiplikatormethode die geeignetere Methode dargestellt und zumindest „objektive“ Werte ergeben. Heute wäre diese Multiplikatormethode ohnehin auch in Österreich etabliert. Am Finanzplatz London beispielsweise, so der Angeklagte, war die Multiplikatormethode schon damals „state-of-the-art“. In Österreich habe das halt länger gedauert, auch das Internet wäre hier erst viel später angekommen. Das habe der Gutachter Dr. Keppert falsch gesehen.

Kurz wollte die Richterin Marion Zöllner den Angeklagten an den diesbezüglichen Ausführungen hindern. Dagegen erhob der Verteidiger der angeklagten Wirtschaftsprüferin, Dr. Michael Rohregger, Einspruch, wies darauf hin, dass die Anklage eben auf dem Gutachten des damaligen Sachverständigen Dr. Thomas Keppert beruhe und es daher dem Angeklagten erlaubt sein müsse, auf dieses Bezug zu nehmen und es kritisieren zu dürfen. Die Richterin gab diesem Einspruch statt.

Die Verschränkung der YLine mit der Metro im März 2000 hätte er als „strategische Meisterleistung“ gesehen. Dieses gesellschaftsrechtliche und geschäftliche Zusammengehen des Start-Up YLine mit dem größtem europäischen Handelsunternehmen hätte mannigfaltige Perspektiven im Bereich E-Commerce und ASP für die YLine ergeben.

Auch die Internet-PC-Aktion mit IBM hätte aus seiner Sicht ökonomisch Sinn gemacht. Damals wurde ein ISP-Benutzer am Markt mit 3.000 bis 6.000 Euro bewertet, ein PC kostete bei IBM nicht einmal  € 1.000 und insofern hätte alleine diese Wertbetrachtung der YLine einen Vermögenszuwachs gebracht. Vor allem vor dem Hintergrund, dass geplant war, den ISP mittelfristig zu verkaufen. Er hätte gesehen, dass das Modell der subventionierten Verkäufe der Zugangsgeräte damals in der Mobilfunkindustrie dafür gesorgt hatte, aus dem Luxusprodukt Mobiltelefon ein Massenprodukt zu machen und erwartete sich das auch für den Internetbereich.

Den Staatsanwalt korrigierte der Angeklagte im Hinblick auf einige Punkte und legte diesem dar, warum die Bewertung der Sacheinlagen durch die damaligen Wirtschaftsprüfer aus seiner Expertenperspektive methodisch richtig und betreffend der Wertansätze sogar konservativ im Vergleich zum damaligen Markt waren. Der objektivierte Wert eines Unternehmens, so der Angeklagte, ergäbe sich anhand des Aktienkurses. In den Aktienkurs fließen alle Meinungen der Marktteilnehmer ein, so dass der Aktienkurs der einzig sinnvolle „objektive Wert“ sein könnte. Aktienmärkte wären eben effiziente Märkte und könnten am besten die Preise und Bewertungen bestimmen – temporäre Übertreibungen eingeschlossen. Wenn der Markt objektive Bewertungen vorgibt, dann könne man als einzelnes Unternehmen nicht dagegen arbeiten. Insofern waren die nunmehr angeklagten Bewertungen der Sacheinlagen aus seiner Sicht völlig in Ordnung – damals wie heute auch.

Der Staatsanwalt fühlte sich aus meiner Sicht überhaupt nicht wohl und hielt seine Befragung sehr kurz. Er verwies auf eine neuerliche Einvernahme mit dem dann bestellten Sachverständigen. Insofern fliegen wir also alle noch einmal eine Befragungsrunde. Zuerst kommt eine Anklage auf Grundlage eines Gutachtens, der – nach Meinung der Angeklagten – befangen war und jetzt warten wir auf einen neuen Gutachter, der in ein paar Monaten neuerlichen Einvernahmen beiwohnen wird. Ein unendliche Geschichte! Aber was bedeutet denn Zeit nach 14 Jahren?

Hier der Bericht im Standard über den Verhandlungstag.

 

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Kategorie

Gericht, Prozesstagebuch