NEOS und die freie Bahn für Start-Ups

NEOS und die freie Bahn für Start-UpsGestern bin ich in der Tageszeitung KURIER über einen Artikel über Start-Ups in Österreich gestolpert. Konkret wurde dabei ein Programm der Wirtschaftskammer besprochen, bei dem österreichische Start-Ups bei der Umsiedlung in das Mekka der Technologie-Start-Ups, in das kalifornische Silicon Valley, unterstützt werden. Das Programm wurde in dem Artikel eher kritisch besprochen und als halbherzig bezeichnet.

Generell steht das Thema Start-Ups derzeit auf der politischen Agenda scheinbar ganz weit oben. Die NEOS beispielsweise wollen „freie Bahn für Start-Ups“, ja gleich einen „Start-Up Boom“ und auch SPÖ und ÖVP erkennen – scheinbar und medial wirksam – den Wert von Start-Ups für den Wirtschaftsstandort Österreich.

„Start-Ups sind der Schlüssel für Innovation und neue Arbeitsplätze. Wir brauchen Anreize für privates Investment in junge Unternehmen, um deren Wachstum zu forcieren.“ (NEOS in einer APA-Meldung).

Die EU hat mit Start-Up Europe im Rahmen der Digital Agenda  for Europe ebenfalls ein Programm für die nachhaltige Förderung von digitalen Start-Ups aufgelegt. Nach EU-Definition sind Start-Ups Unternehmen, die neue, bisher noch nicht etablierte Geschäftsmodelle versuchen – und daher mit dem erhöhten Risiko des Scheiterns konfrontiert sind.

Was denn, ein Boom bei Start-Ups? Echt jetzt? In Österreich!? Das wäre ja gelacht! Naja, Gott-sei-Dank haben wir ja noch die YLine. Bei der Diskussion rund um Start-Ups können wir von Seiten der YLine doch auch die rechtlichen Aspekte und Erfahrungswerte aus Sicht eines österreichischen Start-Ups einbringen und damit den Hype um Start-Ups etwas einbremsen. Neue Geschäftsmodelle stehen hierzulande im Gegensatz zur Ansicht der EU nach Meinung der Anklagebehörden und Sachverständigen unter der Bedrohung durch den § 159 StGB und können damit als waghalsiges Geschäft klassifiziert werden (siehe meinen Bericht hier). Da nützt es auch gar nichts, wenn man Investoren und Partner vorab über die damit verbundenen Risiken informiert und die das für eine tolle Idee halten!

Letztlich nützen die besten Absichten und politischen Initiativen gar nichts, wenn man dann im Falle des Scheiterns kriminalisiert wird und vor dem Strafgericht sitzt. Es müssen ja nicht gleich immer überlange Verfahrensdauer und unverständige bzw. befangene Gutachter wie bei der YLine sein, wo man als ehemaliger Gründer bzw. Organ oder Wirtschaftsprüfer eines Start-Ups über 13 Jahre auf ein Verfahren wartet. Es genügt ja auch schon das Bewusstsein, dass man sich als Beteiligter an einem Start-Up schnell vor dem Strafgericht wiederfinden kann, zumindest, wenn man die Kriterien heranzieht, die für YLine offenbar gelten.

In der Hauptverhandlung werden derzeit wichtige Fragen erörtert. Was war das Geschäftsmodell der YLine? Wie wurden die Projekte kalkuliert? War zu gewissen Zeitpunkten Finanzierungsbedarf gegeben? (No na!) Gab es Probleme mit dem Wachstum? (wieder: no na!) Wie sahen die Kontrollstrukturen aus? Wie war der Führungsstil des Gründers – autokratisch, patriarchalisch oder teamorientiert? Wie war die Stimmung in der Firma? Wie wurden die Managementmeetings protokolliert? Wie sah generell die Kommunikationsstruktur aus? Wie wichtig waren einzelne MitarbeiterInnen für das Unternehmen? Wie gut und fertig waren einzelne Produkte? Womit wurden die Umsätze erzielt? Konnte man in Zukunft Umsatz erwarten? Wie wurden Unternehmensbewertungen durchgeführt? Konnte man sich auf den strategischen Partner verlassen? Waren bestimmte Reisen zu Meetings notwendig?

Das sind alles wichtige, ja sogar sehr wichtige Fragen für ein Start-Up. Aber die gehören nicht vor einem Gericht im Rahmen eines Strafverfahrens erörtert, sondern in einem Hörsaal auf der Uni oder in einem Gründerseminar der Wirtschaftskammer. Tatsächlich hat sich die bisherige Hauptverhandlung beinahe ausschließlich um diese Fragen gedreht und ich kann beim besten Willen darin prima vista kein strafrechtliches Potenzial erkennen. Das sind alles Fragen, die jedes Start-Up laufend zu beantworten hat.

Die YLine, so scheint es mir, wird tatsächlich vor dem Strafgericht als Fallbeispiel für ein Start-Up gebracht, das aufzeigt, was alles schiefgehen kann. Eine forensische Analyse eines Start-Ups, betrieben mit Millionen an Kosten für die Steuerzahler und die beteiligten „Start-Up’er“ und über die Dauer von vielen Monaten. Falsche Antwort? Setzen, verurteilt! Klingt vielleicht jetzt ein wenig polemisch aber wie gesagt, die Fragen sind völlig berechtigt aber der Ort der Diskussion ist der falsche: vor dem Strafgericht und das 17 Jahre nach Gründung bzw. 14 Jahre nach der Insolvenz. Die Einvernahme der ehemaligen Aufsichtsräte und Vorstände erinnert dann auch an Podiumsdiskussionen über die verschiedenen Zugänge und Ansichten zu einem Start-Up.

Als Start-Up-Unternehmer in Österreich sollte man sich dieser Gefahr der latenten Kriminalisierung bewusst sein. Ob das im Sinne der diversen Start-Up-Initiativen der Politik ist, das sei dahingestellt. Die Kriminalisierung von Start-Up-Unternehmen scheint mir tatsächlich eher ein wenig kontraproduktiv für den Wirtschaftsstandort Österreich. Vor allem vor dem Hintergrund der Vorgangsweise säumiger Anklagebehörden, die zuerst medial hetzen und sich dann jahrelang Zeit nehmen, um nichts zu tun (siehe einen Bericht hier). Da sollte man dann vielleicht lieber doch die österreichische Beamtenkarriere versuchen, oder?

Nachsatz: Harald Fercher wird jetzt auf dem Blog des Börse Express gleich wieder „neue“ Archivberichte über die „Internet-Sternschnuppe“ YLine ausheben, um zu beweisen, dass es hierzulande keine Start-Ups zu geben hat. Er bemüht sich dort unter dem Titel „YLine – Der letzte Akt“ wirklich redlich, hier sein letzter Bericht zum Thema. Fercher vergisst in seinem Eifer gleich völlig auf die Netiquette, die von ihm verlangen würde, dass er auf meinen Blog verlinkt zwecks Gegensicht. Schade, aber wir sind eben in Österreich.

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  1. Unternehmer sein ist schwer, Unternehmer kritisieren ist leicht und ein Unternehmer kaputt zureden ist sehr leicht. Ich bin in meiner Funktion als digitaler Forensiker am Balkan oft über die öffentliche / mediale Meinung und vollkommen andere Faktenlage entsetzt. Über Yline wusste ich (man) nur wenige Fakten und viele Gerüchte und verfolge mit Spannung wie mit jedem weiterem Dokument und Sachverhalt ein klareres (Sitten-)bild des österreichischen Balkans entsteht. Gott bewahre jeden Unternehmer in die Maschine der Justizia zu kommen, dem Fleischwolf der Gerechtigkeit. Obige gerichtsanhängige Fragen und offenbar damit verbundene Risiken stellen sich alle Start-up Unternehmer am Beginn eines Unternehmens. Hätte die weltweite New Economy in Österreich Ihren Ausgang genommen, wäre diese elendig verreckt. Innovation bedeutet auch (hohes) Risiko und potentiell enorme Profite…

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Gericht, Unternehmen