Nach 10 Tagen Pause wurde heute die Hauptverhandlung fortgesetzt. Auf der Agenda war wieder die Einvernahme eines ehemaligen Aufsichtsrates, der in seinem Brotberuf ein erfahrener Manager und Unternehmer war bzw. ist. Insofern referenzierte er in seiner Einvernahme – die heute im übrigen unerwartet lange dauerte – immer wieder auf seine Praxiserfahrung in und mit anderen Unternehmen. Er bettete seine Aussagen über die Tätigkeit für die YLine in sein damaliges persönliches Umfeld ein und versuchte, das Gericht in diese Welt einzuführen. Immer wieder verglich er die „Welt der YLine“ mit der Situation in anderen Unternehmen und versuchte, erklärende und relativierende Vergleiche zu ziehen.

Die Fragen von Richterin und Staatsanwalt bewegten sich wieder auf der Ebene persönlicher Wahrnehmungen bzw. Einstellungen, bereits getätigter Aussagen bei Einvernahmen vor Polizei und Staatsanwaltschaft und subjektiver Beurteilungen von Sachverhalten. Abläufe wurden hinterfragt und die Interpretation einzelner Sätze bzw. Absätze in Protokollen erfragt. Das ist nach 14 Jahren kein einfaches Unterfangen. Hand aufs Herz, wer kann sich nach 14 Jahren noch erinnern, was er damals gemeint hatte als ein Protokollführer das von ihm Gesagte sinngemäß festhielt? Also, ich habe damit meine Probleme!

Sachverständige Fragen zu den angeklagten Punkten mussten auch heute unterbleiben, da es eben weder Gutachter noch Gutachten gibt. Erschwerend kam hinzu, dass viele von Gericht und Staatsanwaltschaft heute vorgebrachten Punkte direkt die damalige Finanzvorständin betrafen, die sich vor rund 6 Jahren das Leben genommen hat. Da rutscht man dann sehr rasch in die Spekulation ab. Niemand wird mehr feststellen können, was die Finanzvorständin tatsächlich meinte, dachte oder wollte. Damit ist diesbezüglich der wahre Sachverhalt einfach nicht mehr feststellbar, ganz egal wie sehr wir uns bemühen. Das Umfeld, in dem diese Hauptverhandlung stattfindet, könnte, höflich formuliert, deutlich einfacher sein. Verstorbene Akteure, überlanges Verfahren, zunächst befangene Gutachter, mangelhafte Gutachten und jetzt fehlende Gutachten samt Gutachter. Das behindert halt beim besten Willen aller Beteiligten die Aufklärung!

Als der angeklagte Aufsichtsrat beispielsweise berichtete, dass der vom Vorstand der YLine Ende Juli 2001 hinzugezogene und von ihm sehr geschätzte Sanierungsexperte Dr. Anton Stumpf von Elias Consulting mandatiert wurde und ihm dieser Anfang September 2001 darlegte, dass er den Eintritt der Zahlungsunfähigkeit der YLine nach Fälligstellung der IBM-Forderung mit 10. August 2001 angesetzt hatte, konnte das mangels Sachverständigen im Detail nicht hinterfragt werden. Der vom Experten Dr. Stumpf im September 2001 festgelegte Eintritt der Zahlungsunfähigkeit irgendwann im August 2001 blieb einmal unwidersprochen im Raum stehen. Der zeitliche Eintritt der Zahlungsunfähigkeit ist aber für eine Reihe von Anklagepunkten wichtig. Das ehemalige, mittlerweile abberufene, Gutachter-Duo Keppert/Hallas hatte diesen Zeitpunkt in seinem – mittlerweile nicht mehr verwendbaren – Gutachten auf Jänner 2001 festgelegt und damit die Anklage in diesen Punkten überhaupt erst ermöglicht. Jetzt kämpft der Staatsanwalt sichtlich mit Argumenten, aber vielleicht kommt mir das nur so vor. Ein Expertenstreit, der derzeit ohne Experten ausgetragen wird.

Die Frage nach der Ursache für die Insolvenz der YLine beantwortete der ehemalige Aufsichtsrat mit den Umständen rund um IBM, Lielacher aber auch mit dem Terroranschlag vom 11. September 2001. Nach diesem Anschlag wären die Uhren der Wirtschaft und der Kapitalmärkte anders gegangen. Projekte hätten nicht mehr abgeschlossen werden können und die Welt versank für ein Jahr in ein wirtschaftliches Phlegma. Eine Woche nach diesem Terroranschlag habe ich damals als Vorstand auf Empfehlung von Dr. Stumpf die Eröffnung der Insolvenz bei der YLine beim Handelsgericht Wien beantragt. Normalerweise, so der heute vernommene Aufsichtsrat, hätte die YLine noch knapp 30 Tage Zeit gehabt, um die mit 10. August 2001 eingetretene Zahlungsunfähigkeit zu beseitigen. Aber angesichts des 11. September 2001 wäre das sinnlos gewesen.

Weiter geht es am Tag #16 mit der Einvernahme des ehemaligen Chief Operating Officers (COO) der YLine, ein ehemaliger IBM-Kollege von mir. Er erklärte heute dem Gericht in einer kurz vorgezogenen Befragung den Grund seines Ausscheidens aus dem Vorstand der YLine damit, dass er durch das Ausscheiden des ehemaligen IBM-Generaldirektors, Günter Pridt, aus dem Vorstand der YLine eine Stütze verloren hätte. Pridt hätte die YLine „entschleunigen“ wollen und das hätte ihm gefallen. Darüber hinaus fühlte er sich von mir bedroht, weil ich ihm in Vorstandsmeetings auf die Haftungen eines Vorstands in Verbindung mit Projekten der YLine hingewiesen hatte. Na dann, das könnte eine spannende Einvernahme werden. Mal sehen, was ich morgen wieder so alles über mich erfahre!

Hier der Bericht über den Tag #15 der Hauptverhandlung im Standard.

 

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Kategorie

Gericht, Prozesstagebuch