Am Tag #16 stand ein ehemaliger, nunmehr angeklagter Vorstand im Ring. Der ehemalige IBM-Manager und YLine-Vorstand wurde ausführlich und lange einvernommen wobei er sich bestens vorbereitet zeigte. Überraschend war für mich, dass sich dieser Vorstand, obwohl er eigentlich schon im März 2001, also ein halbes Jahr vor der Insolvenz, aus der YLine ausgeschieden war, als Helfer für den Masseverwalter der YLine, Dr. Stapf, betätigt hat. Dabei dürfte er viele Sachverhalte aus seiner persönlichen Sicht aufgearbeitet haben und, wie er darlegte, entsprechende Aufbereitungen auch für die anschließenden Ermittlungen durchgeführt haben.

Ein durchaus lobenswerter Zugang aber geholfen hat das leider weder ihm noch uns. Irgendwie dürfte da etwas schief gegangen oder gründlich missverstanden worden sein. Aber zumindest hat diese Aufarbeitung dazu beigetragen, dass der ehemalige Vorstand in der Hauptverhandlung eben bestens vorbereitet war und viele Vorhalte ausräumen konnte. Nicht alles deckte sich mit meiner Sicht und Wahrnehmung aber grundsätzlich konnte ich die damalige „YLine-Wirklichkeit“ halbwegs wieder erkennen. Und dass jeder seine eigene Wirklichkeit hat ist logisch.

Interessant fand ich die Beschreibung des IBM-Managers Walter Fuchs. Dieser wäre einer der einflussreichsten Männer in der IBM gewesen und ohne ihn hätte es die YLine in dieser Form nicht gegeben. Es wäre außergewöhnlich gewesen, dass die YLine innerhalb von IBM von Fuchs betreut wurde, der eigentlich für den Banken- und Versicherungsbereich zuständig gewesen wäre. Er schrieb diese Außergewöhnlichkeit der guten Beziehung zwischen Fuchs und mir zu. Die Partnerschaft mit IBM wäre eine super Sache gewesen und er könne bis heute nicht verstehen, warum YLine am Ende keine Einigung mit IBM zustande gebracht hätte. IBM hätte das sicher gewollt, so seine Meinung. Naja, versucht haben wir damals wirklich alles, kann ich dazu nur anmerken.

Mehrfach wies der Angeklagte den Staatsanwalt darauf hin, dass dieser aus dem Zusammenhang gerissene Vorhalte machte und legte bei den einzelnen Vorhalten konsequent den jeweiligen Gesamtzusammenhang dar. Der Staatsanwalt konnte dem nicht viel entgegensetzen und geriet irgendwie in die Defensive. Mir kam das fast schon wie eine Umkehrung der Rollen vor, als der Angeklagte dem Staatsanwalt selbstbewusst vorhielt („Schau’n Sie….“), dass der mit diesen selektiven Wahrnehmungen seine Anklage gebaut hatte. Die Vorwürfe gegen ihn wies er empört auf das „energischste zurück“ und trat damit unserem Club der „Zurückweiser“ erwartungsgemäß bei.

Als damals Zuständiger für unsere ARES-Produktlinie legte er beispielsweise nachvollziehbar dar, was es bei dem Produkt bereits gegeben hatte, wie er die Entwicklung strukturiert hatte und wo er die Probleme dabei sah. Da ihm die Anklage vorwirft, dass er zu hohe Personalkosten zu vertreten hätte, legte er dar, wie und warum dieses Personal benötigt wurde und was dieses Personal gemacht hat. Er hätte zudem die Projekt- und Personalkosten stets mit der Finanzvorständin abgestimmt. Alles wäre da sehr transparent gewesen.

Zum Thema IBM-Verbindlichkeiten berichtete der Angeklagte, dass ihm die mittlerweile verstorbene Finanzvorständin bestätigt hätte, dass diese Verbindlichkeiten mit Anfang 2001 gar nicht mehr in der YLine gewesen wären und wir diese daher auch nicht bezahlen durften. Geld wäre damals laut Auskunft der Finanzvorständin aber genug dagewesen, um auch diese Verbindlichkeiten zu bedienen, wenn sie denn von YLine zu bedienen gewesen wären. Was nicht der Fall gewesen ist. Er verwies dabei u.a. auch auf einen Tonbandmitschnitt einer Vorstandsklausur, wo die Finanzvorständin Anfang 2001 berichtete, dass sie noch 22 Millionen Euro in der Kasse hätte. Von Zahlungsunfähigkeit könnte daher im Frühjahr 2001 überhaupt keine Rede gewesen sein. Da die Finanzvorständin im April 2001 im Zuge eines Managementprogrammes auch noch um ATS 3,5 Millionen YLine-Aktien kaufte, dürfte sie selbst fest daran geglaubt haben, dass mit YLine alles in Ordnung ist. Das spätere Problem mit IBM konnte keiner ahnen! Er persönlich hätte das Problem mit IBM auch anders gelöst aber da wäre er ja nicht mehr in der YLine gewesen.

Wirklich interessant war aber nach der Hauptverhandlung die Kaffeerunde mit einigen Rechtsvertretern. Bei diesen macht sich immer größerer Unmut über die Hauptverhandlung breit. Zum Einen wäre die Überlänge des Verfahrens – mittlerweile 13 Jahre – unzumutbar und zum Anderen würde eben durch die Überlänge sowie den Tod der Finanzvorständin eine objektive Wahrheitsfindung gar nicht mehr möglich sein. Einer der renommierten Rechtsvertreter meinte, dass die Republik Österreich wegen dieses Verfahrens vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EMGR) mit Sicherheit wegen Verletzung der verfassungsmäßigen Rechte der Angeklagten auf ein faires Verfahren verurteilt würde. Und Klagen würden sicher eingebracht. Da die Staatsanwaltschaft das wissen müsse, so die interessante Argumentation, hätte sie sich auch der Amtshaftung zu stellen. Es dürfe nicht sein, dass man seitens der Anklagebehörde sehenden Auges gegen die Verfassung verstößt. Man würde dieses Thema jetzt aggressiv vorantreiben. Nach intensiver Diskussion unter den Juristen konnte man sich auf diese Meinung verständigen. Na, da bin ich aber gespannt!

Hier ein Bericht über den Tag #16 der Hauptverhandlung in der Tiroler Tageszeitung Online. und hier im Börse-Express.

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About Redakteur

Gründer und CEO von YLine und damit ein authentischer Berichterstatter über die spannende Zeit des wirtschaftlichen und politischen Wechsels am Ende des alten Jahrtausends.

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Gericht, Prozesstagebuch

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