Heute war Besprechung mit Rechtsanwälten. Im Zentrum stand dabei das Thema der Akten. Wie bereits vor ein paar Tagen geschrieben, herrscht hier einige Verwirrung. Wo sind nun die Akten und sind sie vollständig? Haben wir alle Akten, die der frühere Gutachter Dr. Thomas Keppert für sein – mittlerweile nicht mehr verfahrensrelevant aber der Anklage noch immer zu Grunde liegendes – Gutachten hatte. Antwort – wir wissen es nicht. Keiner weiß es!

Bei Gericht liegen irgendwo noch immer 30 bis 50 Kisten, die derzeit noch immer kopiert werden. Es fehlt ein zentrales Verzeichnis ebenso wie sonstige Indizes anhand derer man eine konkrete Aktenlage feststellen könnte. Chaos eben! Hätten wir unsere Buchhaltung so geführt, würden wir ansatzlos verurteilt worden sein.

Hinzu kommt, dass schon vor vielen Jahren Notebooks der heute Angeklagten aus einem Polizeifahrzeug gestohlen wurden (siehe Bericht hier) und ein erheblicher Teil der digitalen Speichermedien im Gewahrsam der Polizei wegen falscher Lagerung nicht mehr lesbar sind siehe Bericht hier). Niemand weiß also, nach 13 Jahren Verfahrensdauer, ob es überhaupt möglich ist, ein neues Gutachten zu erstellen. Fakt ist jedenfalls, es fehlen entscheidende Unterlagen durch Diebstahl und unsachgemäßer Handhabung. Stört das irgendwem? Nein! Selbst unter der Annahme, dass die Unterlagen für ein neues Gutachten vorhanden sind, gibt es dieses nach Ansicht der Rechtsanwälte nicht vor Ende des Jahres 2014.

Der Prozess geht trotzdem weiter. Die Zeugen der Staatsanwaltschaft werden in den nächsten Monaten halt einmal ohne Gutachten auf Verdacht einvernommen. Das Problem: falls es ein neues Gutachten gibt, das feststellt, dass es eigentlich andere Sachverhalte anzuklagen gäbe oder noch Fragen des Gutachters erforderlich sind, dann müssen die Einvernahmen nochmals durchgeführt werden. Sollte sich herausstellen, dass es nichts anzuklagen gäbe oder einige Punkte wegfallen, dann wäre das ganze Verfahren entweder überhaupt oder einigen Teilen umsonst gewesen.

Also tun wir jetzt halt alle einmal so, als würde auch der neue Gutachter – falls er die dafür erforderlichen Unterlagen hat oder bekommt – ein Gutachten schreiben, dass eine ähnlich gelagerte Anklage ermöglicht oder die bestehende Anklage stützt. Setzen wir uns halt wieder viele Verhandlungstage aufs Ungewisse hinein in den großen Schwurgerichtssaal, sind dadurch erwerbsunfähig, lassen uns ein wenig psychisch belasten und freuen uns ansonsten des Lebens. Der neue Gutachter wird’s schon richten – ex post!

Als gut gemeinten Trost meinte einer der anwesenden Anwälte – wir hätten es auch noch schlimmer haben können. Er hätte jetzt einen Betrugsfall, der nach 22 Jahren Verfahrensdauer kürzlich entschieden wurde. Naja, wie Tante Jolesch schon sinngemäß meinte – alles war gerade noch ein Glück ist, ist regelmäßig ein großes Unglück.

 

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Gericht