Heute wurde nach knapp 7 Wochen Pause die Hauptverhandlung mit Tag #18 fortgesetzt. Die ersten Zeugeneinvernahmen standen am Programm. Insgesamt waren 3 Zeugen der Staatsanwaltschaft vorgesehen wovon gleich 2 – leider meine Schwester und mein Schwager – unentschuldigt fernblieben. Die Richterin verhängte eine Ordnungsstrafe von jeweils € 250,00 dafür. Ich habe für dieses unentschuldigte Fernbleiben überhaupt kein Verständnis, denn ein riesiger Prozess mit 11 Angeklagten,12 Verteidigern, Schöffen und Richterin müssen warten. Als wäre die zeitliche und psychische Belastung nicht schon groß genug. Also bitte, liebe Zeugen, entschuldigt euch rechtzeitig, wenn ihr nicht kommt! Vielen Dank im Namen aller Beteiligten vorab!

Der erste Zeuge, ein ehemaliger Aufsichtrat, ließ sich dann auf Befragung der Richterin und des Staatsanwaltes lange über Mutmaßungen und Vermutungen aus. Ich habe beim Mitschreiben zumindest 30 mal die Wörter „Ich glaube“ protokolliert. Er habe gehört, er habe geglaubt, er habe angenommen und das ging dann insgesamt knapp 80 Minuten so. Es war wirklich unerträglich. In der Folge wurde der Zeuge dann durch meinen Verteidiger Dr. Oliver Scherbaum und den Rechtsvertretern der Zweit- und Drittangeklagten, Dr. Michael Dohr und Mag. Markus Spani, auch entsprechend in die Pflicht genommen. Die Befragung wurde dann einigermaßen emotional, weil die 3 Strafverteidiger die Aussagen des Zeugen kritisch hinterfragten und meines Erachtens dorthin verwiesen, wo sie größtenteils hingehörten – in den Bereich der Mutmaßungen und Spekulationen. Die tatsächlichen persönlichen Wahrnehmungen des Zeugen waren zu vernachlässigen.

Ich meine, es ist völlig in Ordnung, wenn man sich 13 oder 14 Jahre danach nicht mehr erinnern kann. Das ist verständlich und menschlich. Und man will als Zeuge einen Beitrag zur Aufklärung leisten, klar, lobenswert. Natürlich verblassen nach so vielen Jahren eigene Erinnerungen, verschwimmen über diese vielen Jahre die eigenen Wahrnehmungen mit den Einvernahmen anderer Beschuldigter und Angeklagter – die man natürlich gelesen hat. Und auch die Aussagen der Angeklagten, die der Zeuge in den letzten 17 Verhandlungstagen weitgehend mitverfolgt hat, mischen sich unter die eigenen Wahrnehmungen. So meinte er, dass er ein Papier gelesen hätte, dass er als Zeuge gar nicht hätte lesen dürfen und daher „wisse“ er …

Diese der langen Zeit geschuldeten „Wissens-Melange“ musste der heutige Zeuge dann auch – nicht ganz freiwillig schien mir – in den Befragungen der Rechtsvertreter eingestehen. Aus zunächst angeblich persönlichen Gesprächen wurde auf Nachfragen der Verteidiger dann ein „möglicherweise“ geführtes Gespräch. Und dann „möglicherweise“ auch noch mit einer ganz anderen Person. Nicht mit der ursprünglich angegebenen Wirtschaftsprüferin, sondern mit der inzwischen verstorbenen Finanzvorständin. Möglicherweise! Da wurde es zwischen Zeugen, Strafverteidigern und dem Gericht halt „ein bisserl emotional“. Ich denke, dass es für alle Beteiligten einfacher wäre, wenn man sagt, dass man sich nicht mehr erinnern kann (wenn dem so ist). Keiner kann einem dafür nach 13 oder 14 Jahren böse sein. Fehlende Erinnerung mit Vermutungswissen auszufüllen schürt notabene Emotionen, auch wenn es gut gemeint ist – dafür steht für die Angeklagten zu viel am Spiel.

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Prozesstagebuch, Unternehmen