Warten auf Godot in der Akte YLine

Warten auf Godot in der Akte YLineIm Theaterstück Warten auf Godot von Samuel Beckett warten die Hauptfiguren des Stücks auf eine Person namens Godot, die sie nicht kennen, von der sie nichts Genaues wissen, nicht einmal, ob es sie überhaupt gibt. Godot selbst erscheint in der Tat bis zuletzt nicht, das Warten auf ihn ist offensichtlich vergeblich. Am Ende eines jeden der beiden weitgehend identischen Akte erscheint ein angeblich von Godot ausgesandter Botenjunge, sein Ziegenhirte, der verkündet, dass sich Godots Ankunft weiter verzögern, er aber ganz bestimmt kommen werde. Die Wartenden beschleicht Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihrer Situation, lösen aber können sie sich dennoch nicht aus ihr.

Die Hauptverhandlung in der Akte YLine funktioniert derzeit ähnlich. Erstens warten wir auf ein Gutachten, wobei der Gutachter noch nicht einmal alle vorhandenen Daten hat und er derzeit gar nicht sicher sein kann, ob die Daten überhaupt vollständig sind. Insofern könnte also dieser „wartetechnische Handlungsstrang“ sich als sinnlos erweisen. Fehlen Unterlagen, dann kann es kein neues Gutachten geben und bisher scheinen bereits ein paar CD’s nicht mehr auffindbar zu sein. Aber mal sehen! Falls es ein Gutachten gibt, warten wir auf die darin dargelegten Sachverhalte.

In der Wartezeit werden Zeugen vernommen. In den ersten zwei Tagen der wieder aufgenommenen Hauptverhandlung sind von den geladenen Zeugen bereits 4 nicht gekommen (zwei entschuldigt, zwei unentschuldigt). Heute war die erste Zeugin um 9.30 geladen und um 10.00 fertig. Es ging so rasch, weil sie sich – teilweise 15 Jahre nach den Ereignissen – größtenteils nicht erinnern konnte und/oder zu den relevanten Sachverhalten nichts zu sagen hatte. Es war eine sinnlose Einvernahme aber der Staatsanwalt wollte die Zeugin, konnte ihr allerdings in der 5-minütigen Befragungsrunde keine mir sachverhaltsdienlich erscheinenden Fragen stellen. Es war eher Small Talk. Ein sehr teurer Small Talk mit 11 Anwälten und 11 Angeklagten.

Von 10.00 bis 13.00 Uhr mussten wir dann warten (3 Stunden), bis der nächste Zeuge kam. Der wurde dann auch in 30 Minuten abgefertigt, weil er – richtig geraten – sich nicht erinnern konnte und/oder als Techniker zu den Vorwürfen der Anklage nichts Sachdienliches von sich geben konnte. Für diese Erkenntnisse konnten wir wieder einen ganzen Tag keiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Die Rechtsvertreter natürlich schon!

Also warten wir dann auch die morgigen Zeugen. Drei Zeugen sind geladen. Angeblich kommen morgen alle!

Eine Strafverteidigerin meinte, dass sie so etwas noch nicht erlebt hätte. In den Gesprächen in der langen Pause meinte ein Angeklagter, der jeweils von weit weg anreisen muss, dass man es offenbar darauf abziele, die maximale Farce aus der Akte YLine zu machen. Ich teile diese Meinungen nicht notwendigerweise, habe aber Verständnis dafür!

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