Heute, am Tag #22 der Hauptverhandlung stand mit Günter Pridt der ehemalige Generaldirektor der IBM Österreich, der im Herbst 2000 mit einem Signing Bonus von 14 Millionen Schilling für ein paar Monate in den Vorstand der YLine wechselte (siehe Bericht hier), als Zeuge Rede und Antwort.

Vieles, was Pridt heute – sehr gut vorbereitet – vor dem Gericht zu sagen hatte, hörte sich doch ganz entscheidend anders an als bei den polizeilichen Einvernahmen aus 2004. Selbstverständlich, so Pridt, wäre YLine ein Partner der IBM gewesen und selbstverständlich wäre das PC-Geschäft für IBM von großer Bedeutung gewesen. Und selbstverständlich wurde YLine von hochrangigen internationalen Managern betreut (im IBM-Sprech „Client Executive“ und im YLine-Sprech „Beirat“), die auch über Insiderwissen verfügten, weil sie in die strategische Planung einbezogen waren.  Aber hoppala, keine Rede mehr von einer „normalen“ Kunden-Lieferantenbeziehung.

Interessanterweise will Pridt die Partnervereinbarung zwischen IBM und YLine vom September 1999 überhaupt erst im Jahr 2013 vom ehemaligen IBM-Prokuristen Walter Fuchs erhalten haben. Somit kannte er diese angeblich damals und über die ganzen Jahre hinweg nicht. Und sie wäre ohnehin nur substanzloses „Wischi-Waschi“. Nichts für „echte Kaufleute“ und damit auch gar nicht weiter wichtig. Interessant, denn auf Grundlage dieser Vereinbarung haben wir viel Geld an die IBM bezahlt – für Wischi-Waschi also (siehe Beitrag hier). Es wurde mir heute einiges klarer. Logische Schlussfolgerung: in der IBM kannten wichtige Leute diese Vereinbarung gar nicht. Pridt war zum Zeitpunkt des Abschlusses dieser Vereinbarung Generaldirektor der IBM Österreich.

Die Vereinbarung war (a) Grundlage für eine Einstweilige Verfügung aus dem Jahr 2001 (siehe Beitrag hier), findet sich (b) in den YLine Strafakten und war (c) 2004 Beweismittel in der Klage des Masseverwalters der YLine iS IBM und damit Mitursache für einen Millionenvergleich mit IBM (siehe auch Bericht hier). In der Klagsbeantwortung legten die Anwälte der IBM damals ihre rechtliche Sicht der Partnervereinbarung dar – „Wischi-Waschi“ war sie aber demnach jedenfalls nicht. Angesichts der vielfachen „Erscheinung“ dieser Vereinbarung ist es also nicht wirklich glaubhaft, dass Pridt diese trotz akribischen Aktenstudiums nicht gekannt haben will. Wie auch immer, jedenfalls aber war es eine elegante Art und Weise die Aussagen vor der Kriminalpolizei ohne Gesichtsverlust heute entscheidend zu modifizieren.

Aber Wischi-Waschi-Partnervereinbarung hin oder her, so Pridt, die vielen Millionen, die man seitens YLine aus der Partnerschaft mit IBM erwartete, die wären ja nur eine nachträgliche Rechtfertigung des Böhm. Lächerlich! Übersehen wurde von Pridt dabei, dass die vielen Millionen Umsatz von den IBM-Leuten geplant wurden und nicht von uns, so beispielsweise für das Center of Competence, wie aus den, dem Gericht bereits bei meiner Aussage vorgelegten internen IBM-E-Mails hervorgeht.

Generell hätte er, Pridt, nach dem Scheitern der BEKO-Übernahme dafür plädiert, einen Konsolidierungskurs zu fahren und den Kapitalmarkt zumindest temporär beiseite zu lassen. Man hätte die Aktionäre und Aktien einfach einmal für eine gewisse Zeit vergessen sollen. Aber der fallweise despotisch agierende Böhm, der wollte das nicht. Der bedrohte einem dann auch gleich mit „strafrechtlichen Haftungskonsequenzen“. Mit der Dominanz des Kapitalmarktes innerhalb des YLine-Strategie hat Pridt ganz sicher recht. Fakt ist, aus meiner Sicht, dass ein „Vergessen“ des Kapitalmarktes vielleicht organisatorisch vernünftig aber nur leider nicht möglich gewesen ist, da wir von den Aktionären Geld bekommen haben, um die in den Kapitalmarktprospekten festgehaltenen Ziele umzusetzen. Da konnte man schon aus haftungstechnischen Gründen nicht einfach „nein, stopp“ sagen. Vor allem benötigten wir den Kapitalmarkt auch für die Umsetzung der IBM-Partnerschaft. Aber in dieser Einschätzung mag ich mich irren!

Die Gründe für die Insolvenz der YLine sah Pridt – wie wir anderen im übrigen auch – in der Partnerschaft mit IBM. Vor allem aber im Umgang der YLine mit der IBM. IBM hätte nach seiner Auskunft nicht fällig gestellt, wenn man vernünftig und nicht „so stümperhaft“ verhandelt hätte. Die in diesem Zusammenhang grundlegende Frage war aber, ob zum damaligen Zeitpunkt – im Frühjahr 2001 – die IBM-Verbindlichkeiten aus dem PC-Deal überhaupt noch in der YLine waren. Ich meine nein, Pridt war damals der Meinung und bestätigte diese heute, dass YLine die Verbindlichkeit gegenüber IBM jedenfalls „unabhängig davon, ob wir diese tatsächlich geschuldet hätten“, verbuchen müsse. Ein spannender Ansatz. Mein Rechtsvertreter sprach in diesem Zusammenhang von der Inkaufnahme einer falschen Bilanz und zog sich damit den Unmut von Pridt zu.

Es war ein langer Tag. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Pridt unter viel emotionaler Angriffigkeit, die ich auch verstehen kann – unsere Argumentation aber mit seinen – endlich richtigen – Aussagen stützt:

  • YLine war Partner von IBM und nicht bloß Kunde,
  • das PC-Geschäft war außerordentlich wichtig für IBM,
  • wurde durch die internationalen Linien von IBM genehmigt,
  • das finanzielle Risiko des Geschäftes mit dem Startup YLine war IBM bewusst und auch ihm Pridt,
  • der Grund für die Insolvenz YLine wäre in der Partnerschaft mit IBM gelegen,
  • ARES hat es gegeben, Umsätze mit der Software wurden erzielt und Projekte damit abgewickelt.

Ach ja, und er Pridt, hätte im Frühjahr 2001 vom Finanzierungschef der IBM Europe die Zusage bekommen, dass IBM nicht fällig stellen würde. Man bräuchte eine neue Vereinbarung. Damit zerbröseln einige wichtige Punkte der Anklage, sagen die Rechtsvertreter.

Abschließend plädierte Pridt an das Gericht und meinen Rechtsvertreter Dr. Oliver Scherbaum, dass ich mit der Berichterstattung über Pridt und die falschen Darstellungen seiner Person aufhören möge. Falls nicht, so schob er charmant eine kleine Drohung nach, hätte er noch Unterlagen, die er öffentlich machen könnte. Mein Rechtsvertreter war (a) der Meinung, dass das eine Drohung war und sagte ihm (b), dass die Berichterstattung auf diesem Blog deutlich anders wäre, wenn er in der Sache immer so ausgesagt hätte wie heute. Da das nicht der Fall war, würde sein Mandant – also ich – natürlich entsprechend seine Sicht der Dinge darlegen und die Widersprüche aufzeigen.

An dieser Stelle ein persönliches Wort, lieber Günter: ich bemühe mich sehr, auf diesem Blog Aussagen mit Unterlagen zu unterlegen. Natürlich sind die Beiträge nicht immer emotions- und meinungsfrei. Daher schalte ich auch regelmäßig die Kommentare dazu frei. Dann können sich die Leser ihr Bild selber machen. Und Fakt ist, dass ich hier alle mir zugänglichen Unterlagen für das Herunterladen zur Verfügung stelle und damit DIR und der Öffentlichkeit erst eine öffentliche Diskussion darüber überhaupt erst ermögliche. Ohne diese Unterlagen hättest du heute gar nicht so gut vorbereitet argumentieren können. Und diese Öffentlichkeit ist das zentrale Wesen eines Strafverfahrens. Und ja, es war angesichts der bereits vorliegenden Stellungnahmen der IBM-Anwälte NICHT notwendig, unsere Partnervereinbarung als Wischi-Waschi zu bezeichnen. Da werde ich mich auch in Zukunft wehren, lg Werner!

 

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Prozesstagebuch, Unternehmen