Die letzten beiden Tage der HV waren vor allem durch die lange Zeit geprägt, die seit der YLine vergangen ist. Seit den Ereignissen über welche die Zeugen befragt werden, sind teilweise schon 15 Jahre vergangen. Daher war bei den 6 Zeugen der letzten beiden Tage, die (sinngemäß) am häufigsten geäußerte Aussage, dass man sich nicht mehr oder nicht mehr genau erinnern könne. Und bei manchen Aussagen ersetzt die Vermutung und das Hörensagen die Wahrnehmung. Aber wen wunderts nach dieser Zeit?!

Bei manchen Zeugen hat die Zeit naturgemäß auch Altersspuren hinterlassen und für nachlassendes Gehör gesorgt. Ich glaube, dass ich da auch dazu gehöre. In Verbindung mit einem akustisch extrem schlechten Raum ergeben sich dann auch zwangsweise komische Situationen. So nach dem Motto – ich habe Sie akustisch nicht verstanden aber wenn sich Sie verstanden hätte, dann könnte ich mich gar nicht mehr erinnern.

Und auch mit den Augen haben es manche bereits. Aus den ehemaligen Leuten eines Startups ist halt ein Seniorenclub geworden.

Ein Zeuge hat sich unter Hinweis auf seine Berufsverschwiegenheit als Wirtschaftsprüfer der Aussage entschlagen und eine zweite Zeugin hat sich als Steuerberaterin zwar nicht der Aussage entschlagen aber ihre kurze Aussage – sie konnte sich beim besten Willen kaum mehr erinnern – kam einer Entschlagung dann auch sehr nahe. Nach wenigen Minuten war das vorbei. Das war sehr angenehm, denn wir hatten vorher knapp 90 Minuten auf die Zeugin gewartet. Am Vortag war das ähnlich, da warteten wir knapp 2 Stunden auf einen Zeugen mit ganz schwacher Erinnerung. Auch das war nach knapp 20 Minuten vorbei. Macht ja gar nichts, die paar Stunden Warten machen nach 14 oder 15 Jahren das Kraut auch nicht mehr fetter. Immerhin scheidet das Gericht jetzt manche Angeklagte an manchen Verhandlungstagen aus, wenn sie in dem jeweiligen Themenbereich nicht angeklagt sind.

Sagen lässt sich aber, dass seit der Teilnahme des Sachverständigen die Hauptverhandlungen inhaltlich deutlich besser geworden sind. Man hat auch den Eindruck, dass das Gericht damit neu motiviert wurde und im Dialog mit dem Sachverständigen „Aufklärungsschwung“ in die Hauptverhandlung bringt. Und, ebenfalls erfreulich, der Sachverständige bedient sich des „Tech-Sprechs“, soll heißen, er zeigt sich sachkundig.

Freilich ändert das nichts an der Tatsache, dass nach 14 Jahren Verfahrensdauer und mittlerweile 6 Monaten Hauptverhandlung schon extreme emotionale und psychische Erschöpfung auf Seiten der Angeklagten herrscht. Der Staatsanwalt zeigt sich von dem allerdings unbeeindruckt. Er befrägt die von ihm nominierten Zeugen immer „nur kurz“ und wartet offensichtlich auf das neue Gutachten. Ich bin – wie andere Angeklagte auch – noch immer der Meinung, dass die Staatsanwaltschaft wegen der mittlerweile zu Tage getretenen und in der Ermittlung nicht berücksichtigten Sachverhalte die Anklage zurückziehen sollte. Der Staatsanwalt gesteht im persönlichen Gespräch sogar zu, dass sich beispielsweise Aussagen von Günter Pridt bei dessen Einvernahme anders dargestellt haben und das zu einem Überdenken der Anklage führen könnten aber …

Ach ja, Thema Gutachten. Das soll der Sachverständige laut Auskunft des Gerichts in Raten abliefern. Im November 2014 sollen zwei Sacheinlagen (Webline und Kontornet) gutachterlich erledigt werden und irgendwann dann die anderen Themen. Auf Seiten der Wirtschaftsprüfer soll der Gutachter Martin Geyer in Kürze sein Gutachten in Sachen IBM vorlegen auf das wir mit großer Spannung warten.

Sicher scheint nur, dass die Hauptverhandlung das Jahr 2015 sehen wird und wahrscheinlich auch noch einen Jahrestag begehen könnte. Das Ding wird immer mehr zu einer Art schlechter Gewohnheit, die einen halt nicht loslässt!

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About Redakteur

Gründer und CEO von YLine und damit ein authentischer Berichterstatter über die spannende Zeit des wirtschaftlichen und politischen Wechsels am Ende des alten Jahrtausends.

Kategorie

Gericht, Prozesstagebuch