ganz, ganz oben in der IBM

Zunächst meine Entschuldigung für die lange Zeit des Stillschweigens! Die eingehenden Emails habe ich selbstverständlich beantwortet und heute serviere ich ein kurzes Update zur Akte YLine. Heute vor 527 Tagen hat das Hauptverfahren begonnen und wir halten bei 42 absolvierten Verhandlungstagen. Zuletzt hatten wir einen Verhandlungstag Mitte September 2015. Und dieser Tag war überraschend kurzweilig!

Vernehmung von „ganz, ganz oben“

ganz, ganz oben in der IBM

von ganz, ganz oben in der IBM sieht man nicht nach ganz, ganz unten

Überraschenderweise erschien – nachdem ihn die Polizei nett zum Erscheinen aufgefordert hatte – der ehemalige IBM Manager Dr. Artur Kozak und machte seine Aussage. Und die war durchaus erstaunlich. Er machte dem Gericht klar, dass er in der IBM „ganz, ganz hoch oben“ war und die eigentliche Arbeit von denen „ganz, ganz unten“ gemacht wurde. Und da konnte er nicht alles wissen. Diese Aussage unterstrich er mit entsprechender Gestik. Und von „ganz, ganz oben“ betrachtet hätte er die YLine-Transaktion anders gemacht als das von der IBM Österreich gehandhabt wurde. Aber das war halt so. Und dass er von „ganz, ganz oben“ als Client Executive für die YLine zuständig war, ja das hat sich halt so ergeben, weil der damalige Europamanager von IBM, Mike Lawrie (auch „ganz, ganz oben“), gemeint hätte, dass Artur als Österreicher dafür geeignet sei.

Die YLine wäre aber nichts Besonderes für IBM gewesen. Ja, natürlich wollte man mit YLine als IBM in die neuen Internet-Märkte und ja, natürlich waren die Konzepte interessant gewesen und ja, man hat 30,000 PC’s (oder so) geliefert aber etwas Besonderes war das nicht. Ist ja auch wirklich üblich, dass man einem Startup Maschinen ohne Sicherheiten im Wert von mehr als 350 Millionen Schilling liefert. Macht doch wirklich jeder Weltkonzern so, oder? Und wenn die YLine nichts Besonderes für die IBM war, warum wurde dann ein Manager von „ganz, ganz oben“ als Client Executive bestellt? Und ein amtierender Generaldirektor von IBM Österreich in den Vorstand der YLine empfohlen. „Ganz, ganz normal“ also!

Rechtsverbindlichkeit oder Schmähpartie

IBM Vertrag

Eine von IBM nicht ernst gemeinte Vereinbarung!

Und der Umstand, dass IBM Österreich knapp 30,000 PC’s im Jänner und Februar 2000 ohne Vertrag ausgeliefert hätte, wäre dem guten „Schmäh“ des Werner Böhm geschuldet gewesen. Ok, da habe ich mich wirklich geschmeichelt gefühlt. Als ich dem Zeugen Dr. Kozak die Vereinbarung vom 30. September 1999 vorhielt und ihn fragte, ob es nicht sein könnte, dass das aus Sicht der YLine die vertragliche Grundlage hätte sein können, gab Dr. Kozak ein Statement zum Besten, das vielleicht besser als alles andere erklärt, warum wir damals solche Probleme mit IBM hatten. Denn, so Dr. Kozak, die rechtsverbindlich von IBM Österreich unterfertigte Partnervereinbarung wäre ja „nur“ ein „Document of Understanding“ und hätte keine bindende Wirkung. Daran müsse man sich wirklich nicht halten, so die sinngemäße Aussage. Unterstrichen von einer abfälligen Handbewegung und süffisantem Lächeln.

Warum dann, wenn die IBM diese Vereinbarung nicht als rechtswirksam betrachtete, trotzdem knapp 30,000 PC’s ausgeliefert wurden, das konnte Dr. Kozak zumindest für mich nicht ansatzweise erklären. Aber das war halt die Sicht von „ganz, ganz oben“. Denn der mit IBM abgeschlossene Vertrag wurde erst Ende März 2000 unterfertigt, nachdem bereits knapp 26,000 Stück ausgeliefert waren. Und unterfertigt wurde der von mir nur, weil IBM mit Lieferstopp drohte. Könnte man auch als unfairen Druck betrachten. Und die Aussage erklärt für mich auch, warum IBM die diversen Zusagen nicht einhielt – sie sah sich an Vereinbarungen halt nicht gebunden!

IBM ist IBM ist IBM

Einstweilige Verfügung gegen IBM Man bekam generell den Eindruck, dass IBM die Rechtsverbindlichkeit von Vereinbarungen und Zusagen sehr willkürlich betrachtete. Unsere damalige Kanzlei Hausmaninger – auch nicht gerade eine unbekannte Wirtschaftskanzlei – sah das mit der Rechtsverbindlichkeit und Bindungswirkung der Vereinbarung anders. Und auch das Handelsgericht Wien, denn das erließ auf Grundlage dieser Vereinbarung 2001 eine Einstweilige Verfügung, die es IBM untersagte, die Partnerschaft abzustreiten (siehe Einstweilige Verfügung hier). Der Pressesprecher der IBM Österreich hatte damals ja nur gegenüber Analysten der YLine behauptet, dass IBM keine Partnerschaft mit YLine hätte. Schadet halt ein bisserl der Reputation, dem Aktienkurs und den Aktionären. Aber was solls. IBM darf das! Der Zeuge Dr. Kozak hingegen konnte nicht verstehen, warum wir uns gegen die unfaire Vorgangsweise der IBM wehrten und ich dem damaligen CEO Louis Gerstner ein Email mit der Bitte um Hilfe schrieb. Die IBM’er „dort unten“ hätten sich sicher richtig verhalten und die YLine war schon selbst schuld, so der Tenor des Zeugen.

In Summe hinterließ der Auftritt den Eindruck, dass IBM ein höchst arrogantes Unternehmen mit seltsamen Geschäftspraktiken und abstrusen Rechtsansichten ist. Schade, denn dieses Image hat IBM nicht wirklich verdient möchte ich als ehemaliger IBM Mitarbeiter festhalten. Und die damaligen Projekte waren von vielen Mitarbeitern auf beiden Seiten mühsam erarbeitet worden und keinesfalls „Schmähprojekte“. Solche hätte IBM wie ich sie kenne niemals gemacht. Aber natürlich „ganz, ganz oben“ können Perspektiven anders sein!

 

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Kategorie

IBM, Prozesstagebuch